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Das Dornebärchen Kapitel V
Musik unterbricht das Zwitschern der Vögel
und das Rauschen der Blätter.
Wundervoll aneinandergereihte Klänge,
Töne, die einander ergänzen und beflügeln,
sodass es das Küken zum Tanzen bringt.
Amüsiert dreht und wendet es sich
in Teddys Innerem – dort,
wo kaum noch Platz bleibt.
Er ist dick geworden.
Der Bär kann sich kaum bücken
oder bewegen.
So groß ist das Kleine
in seinem Bauch gewachsen.
So groß,
dass das Fell aufs Äußerste gespannt ist –
nur vom Draht
und wenigen Fäden gehalten.
Auf einer Lichtung,
auf einem Stein,
sitzt Ron, die Ratte.
Wundervolle Melodien
entlockt er seiner Mundharmonika.
Daneben, im Gras, liegt Marta,
die Maulwurfsdame.
Sie spielt ausgelassen Flöte,
sodass selbst die Vögel mitpfeifen.
Erik, das Eichhörnchen,
zupft die Saiten seiner Gitarre
und summt die Melodie mit.
Teddy nähert sich dem Trubel.
Die Musik verstummt.
Ratte,
Maulwurf,
Eichhörnchen
und die anderen Tiere des Waldes
betrachten das seltsame Geschöpf.
Sie tuscheln.
Zeigen auf ihn.
Blicken verlegen zu Boden,
als Teddy sie anschaut.
Der Kreis öffnet sich.
Der Bär stolpert in die Mitte.
„Du bist es“,
sagt Ron und richtet seinen Zylinder.
„Hast du … hast du …“,
stottert Marta.
„Hast du etwa den Marder erledigt?“
Ihr Stummelschwanz zuckt.
Ihre Augen suchen nach einem Versteck.
Keines der Tiere sagt ein Wort.
Alle warten.
„Ja“, sagt Teddy.
„Ich … nein …
Wir haben dem Marder den Garaus gemacht.“
Einem Dachs treten Tränen in die Augen.
Ein Spatz schlägt die Flügel vor den Schnabel.
Erik entfährt ein schräger Gitarrenton.
Dann bricht Jubel aus.
Zwitschern.
Quieken.
Quietschen.
Rons Zylinder fliegt durch die Luft.
Erik lässt die Gitarre fallen,
klettert auf den nächsten Baum
und wieder hinunter.
„Warum seid ihr alle so ausgelassen?“,
fragt Teddy.
Er spürt sein Küken zittern –
überfordert von den Schreien und Rufen.
„Weil dieser Marder den Wald in Angst versetzt hat“,
antwortet Marta.
„Kein Tier hat er in Ruhe gelassen“,
sagt Erik.
Ron fügt hinzu:
„Nirgendwo war man vor ihm sicher.“
Die Jubelrufe verstummen.
Die Tiere nähern sich dem Bären.
Dem aufgedunsenen Stofftier
mit verrostetem, zerkautem Draht um den Bauch.
Dem Teddy,
der kaum mehr als von Fäden zusammengehalten wird.
Der mufft und mieft.
Ein Tier nach dem anderen umarmt ihn.
Drückt ihn an sein Herz.
Umarmungen,
die ihm einst so gefielen
und die er so vermisste.
Nun bekommt er sie
hundertfach zurück.
Keines scheut die Dornen.
Ron stört sich nicht am Geruch.
Marta findet einen Platz
zwischen den Spitzen.
Erik spuckt den Zahnstocher aus
und drückt den Befreier fest an sich.
Und dann,
als jedes Tier einmal
das Kuscheltier gedrückt hat,
bricht das rostige Eisen.
Fällt klirrend zu Boden.
Die Enge um Teddys Brust ist fort.
Endlich.
Endlich wird er
sein Küken sehen.
„Komm. Komm, mein Kleines.
Es ist sicher. Ganz bestimmt.“
Das Kleine dreht und windet sich.
Doch das bis aufs Äußerste gespannte Fell
droht zu reißen.
„Bitte. Bitte, komm heraus“, sagt Teddy.
Unsicherheit schwingt in seiner Stimme.
Der Biberschwanz versucht,
sich zu befreien.
Doch der lädierte Stoff ächzt
bei jeder kleinsten Regung.
„Es ist zu groß geworden“, flüstert Teddy.
„Passt nicht mehr heraus.
Nicht, ohne mich …“
Betroffenes Schweigen
unter den Tieren.
„Nicht ohne mich …“
„Zu zerreißen“,
beendet Ron den Satz leise.
„Das ist offensichtlich“,
flüstert Erik.
Marta kommen die Tränen.
„Schrecklich.“
Ohne ein weiteres Wort
verlässt Teddy die Lichtung.