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Tage vergehen.
Tage,
an denen Teddy durch die Wälder streift,
immer auf der Suche nach Hinweisen
auf den Verbleib der Singvögel.
Nur – was sind es für welche?
Vielleicht Spechte?
Eher nicht.
Sie bohren mit ihrem Schnabel Höhlen in Bäume,
um dort zu nisten.
Oder Störche?
Wohl auch nicht.
Diese Vögel bauen ihr Nest auf Schornsteinen.
Krähen?
Habichte?
Sittiche?
In Gedanken versunken
hört er schließlich ein Pfeifen.
Es kommt aus einem Erdloch.
Ungewöhnlich für einen Vogel.
Außerdem ist die Melodie schrill und kantig –
so sehr,
dass sie ihm in den Ohren wehtun würde,
wäre er kein Spielzeug.
Dem Tunnel folgend,
nimmt Teddy eine Abbiegung
und dann noch eine,
bis der schwache Schein einer Kerze
das Tier erhellt.
Aber es ist weder eine Elster
noch ein Spatz.
Nicht einmal ein Vogel.
Es ist eine Maulwurfsdame.
Sie trägt eine Wollmütze auf dem Kopf
und einen grünen Pullover.
An den Mund gepresst hält sie eine Flöte.
Als Teddy sich räuspert,
erschrickt sie
und versteckt sich hinter einem Stein.
„Hallo“, sagt der Bär zur Begrüßung
und hebt die Pfote.
„Ich bin Teddy, liebstes Spielzeug von Tom.
Tut mir leid,
wenn ich dich erschreckt habe,
aber ich dachte, du wärst ein Vogel.“
„Das ist doch albern“,
entgegnet die Maulwurfsdame,
als sie vorsichtig hinter dem Stein hervorschaut
und mit dem Stummelschwanz wackelt.
„Ich habe keinen Schnabel.“
Sie schlägt Staub vom grünen Pullover.
„Und weder Flügel noch Federn.“
Nachdem sie die Wollmütze gerichtet hat,
kneift sie die Augen zusammen,
als könne sie den Bären nicht richtig sehen.
„Ich bin ganz unverkennbar Marta,
die Maulwurfsdame.“
„Aber du spielst Flöte,
und deswegen dachte ich,
du seist ein Singvogel.
Ich habe ein Ei gerettet und suche nun dessen Eltern.“
Marta pustet durch das Instrument.
Staub rieselt heraus.
Dann tritt sie näher an den Bären,
die Augen zu engen Schlitzen gekniffen.
„Ist es so abwegig,
Flöte zu spielen?
Ich denke nicht.
Was ist das für ein Ei?
Zeig es mir.“
„Es ist sicher in seinem Nest in meinem Bauch.
Wenn du den Stacheldraht abmachst,
kannst du es dir ansehen.“
Durch eine Lupe begutachtet Marta
den Draht mit den spitzen Dornen.
„Die sehen aber gefährlich aus“, sagt sie.
„Bleib lieber damit fort von mir.“
„Du musst mir helfen“,
entgegnet Teddy verzweifelt.
„Ich weiß nicht, wo die Eltern sind,
wie sie aussehen oder was es für Tiere sind.
Alles, was ich weiß, ist,
dass ich Hilfe brauche,
weil der Marder uns noch immer verfolgt.“
„Der Marder?“
quiekt Marta und lässt Lupe und Flöte fallen.
„Ja.
Er hat das Nest geplündert und will das letzte Ei!“
„RAUS!“
Die Maulwurfsdame legt all ihre Kraft in das Wort
und springt in einem Satz hinter den Stein,
den sie zuvor schon als Deckung genutzt hat.
Teddy versucht,
sie zu besänftigen,
spricht ihr beruhigend zu.
Doch es nützt nichts.
Sie kauert zitternd und schweigend hinter dem Stein
und wackelt erregt mit dem Stummelschwanz.
Er ist nicht schlauer als zuvor.
Hat nichts Neues erfahren.
Knack.
Teddy horcht auf.
Irgendwo plündert der Marder erneut ein Nest.
Ganz nah.
Knack.
Es ist … in ihm.
Das Ei schlüpft.
Es hat die Kälte überstanden
und wird nun seine Flügel ausbreiten wollen.
Teddy nestelt am Draht herum,
gespannt,
was für ein Vogel da in ihm ist.
Doch der Stahl lässt sich nicht öffnen.
Zu verdreht.
Zu verkantet.
Knack.
Aus dem Riss auf seiner Brust
tastet sich ein Schnabel.
Mehr ist kaum zu erkennen,
zurückgehalten vom Maschendraht.
Doch er hat eine ungewöhnliche Form.
Nicht spitz und filigran
wie der eines Spatzes.
Eher lang.
Platt.
Und Grau.
Mit zwei Atemlöchern.
„Dann muss es eine Ente sein“,
überlegt Teddy.
„Oder eine Gans.
Ein wundervolles Tier.“
Sicher ist das Kleine nach
der anstrengenden Arbeit hungrig.
Einen Grashalm hinhaltend,
schnuppert und knabbert der Schnabel am Futter.
Und spuckt es aus.
Der Bär kratzt sich am Kopf.
Falsch.
Beeren.
Tannenzapfen.
Blätter.
Alles verschmäht das Küken.
Dann ragt das zappelnde Köpfchen eines Wurms
aus der Erde.
Kann es sein?
Wieder schnuppert der Schnabel
am dargebotenen Fressen.
Wittert.
Riecht.
Mit einem Happs ist das Würmlein verschlungen.
Und das Küken verlangt nach mehr.
Teddy stutzt.
Denn Gänse sind Pflanzenfresser.
Aber Enten verspeisen manchmal auch Insekten.
Und solange es sein Kleines glücklich macht,
hält er ihm bereits den nächsten Wurm hin.