Das Dornenbärchen sitzt mit einem goldenem Ei auf einer Blumenwiese in einer märchenhaften Waldszene



Das Dornenbärchen: Kapitel II, Teil 2



Tage vergehen. Tage, an denen Teddy durch die Wälder streift, immer auf der Suche nach Hinweisen auf den Verbleib der Singvögel.

Nur was sind es für welche? Vielleicht Spechte? Eher nicht, denn sie bohren mit ihrem Schnabel Höhlen in Bäume, um dort zu nisten.

Oder Störche? Wohl auch nicht, denn diese Vögel bauen ihr Nest auf Schornsteinen.

Krähen? Habichte? Sittiche?

In Gedanken versunken hört er schließlich ein Pfeifen, das aus einem Erdloch kommt. Ungewöhnlich für einen Vogel, außerdem ist die Melodie so schrill und kantig, dass sie ihm in den Ohren wehtun würde, wäre er kein Spielzeug.

Dem Tunnel folgend, nimmt Teddy eine Abbiegung und dann noch eine, bis der schwache Schein einer Kerze das Tier erhellt.

Aber es ist weder eine Elster noch ein Spatz.

Nicht einmal ein Vogel.

Es ist eine Maulwurfsdame mit einer Wollmütze auf dem Kopf und dazu einem grünen Pullover. An den Mund gepresst hält sie eine Flöte und als Teddy sich räuspert, erschreckt sie und versteckt sich hinter einem Stein.

„Hallo“, sagt der Bär zum Gruß und hebt die Pfote. „Ich bin Teddy, liebstes Spielzeug von Tom. Tut mir leid, wenn ich dich erschreckt habe, aber ich dachte, du seist ein Vogel.“

„Das ist doch albern“, entgegnet die Maulwurfsdame, als sie vorsichtig hinter dem Stein hervorschaut und mit dem Stummelschwanz wackelt. „Ich habe keinen Schnabel.“ Sie schlägt Staub vom grünen Pullover. „Und weder Flügel noch Federn.“ Nachdem sie die Wollmütze gerichtet hat, kneift sie die Augen zusammen, als könnte sie den Bären nicht richtig sehen. „Ich bin ganz unverkennbar Marta, die Maulwurfsdame.“

„Aber du spielst Flöte und deswegen dachte ich, du seist ein Singvogel. Ich habe ein Ei gerettet und suche jetzt seine Eltern.“

Marta pustet durch das Instrument und Staub rieselt hinaus, dann tritt sie näher an den Bären, die Augen zu engen Schlitzen gekniffen. „Ist es so abwegig, Flöte zu spielen? Ich denke nicht. Was ist das für ein Ei? Zeig es mir mal.“

„Es ist sicher in seinem Nest in meinem Bauch. Wenn du den Stacheldraht abmachst, kannst du es mal sehen.“

Durch eine Lupe begutachtet Marta den Draht mit den spitzen Dornen und sagt: „Die sehen aber gefährlich aus. Bleib lieber damit fort von mir.“

„Du musst mir helfen“, entgegnet Teddy verzweifelt. „Ich weiß nicht, wo die Eltern sind, wie sie aussehen oder was es für Tiere sind. Alles, was ich weiß, ist, dass ich Hilfe brauche, weil der Marder uns noch immer verfolgt.“

„Der Marder“, quiekt Marta und lässt Lupe und Flöte fallen.

„Ja, er hat das Nest geplündert und will das letzte Ei!“

„Raus!“ Die Maulwurfsdame hat alle Kraft in das Wort gelegt und springt in einem Satz hinter den Stein, den sie schon zuvor als Deckung genutzt hat.

Teddy versucht, sie zu besänftigen, spricht ihr beruhigend zu, aber es nützt nichts. Sie kauert zitternd und schweigend hinter dem Stein und wackelt erregt mit dem Stummelschwanz.

Er ist nicht schlauer als zuvor. Hat nichts Neues in Erfahrung bringen können.

Knack.

Teddy horcht auf. Irgendwo plündert der Marder erneut ein Nest. Ganz nah.

Knack.

Es ist … in ihm!

Das Ei schlüpft!

Es hat die Kälte überstanden und wird nun seine Flügel ausbreiten wollen. Teddy nestelt an dem Draht herum, gespannt, was für ein Vogel da in ihm ist. Doch der Stahl lässt sich nicht öffnen.

Ist zu verdreht und verkantet.

Knack.

Aus dem Riss auf seiner Brust tastet sich ein Schnabel. Kaum mehr ist zu erkennen, zurückgehalten von dem Maschendraht. Doch er hat eine ungewöhnliche Form.

Nicht spitz und filigran wie der eines Spatzes. Eher lang und platt und grau, mit zwei Atemlöchern.

„Dann muss es eine Ente sein“, überlegt Teddy. „Oder eine Gans. Ein wundervolles Tier.“

Sicher ist das Kleine nach der anstrengenden Arbeit hungrig. Einen Grashalm hinhaltend, schnuppert und knabbert der Schnabel an dem Futter.

Und spuckt es aus.

Der Bär kratzt sich am Kopf.

Falsch.

Beeren, Tannenzapfen, Blätter. Alles verschmäht das Küken, dann ragt das zappelnde Köpfchen eines Wurms aus der Erde.

Kann es sein?

Wieder schnuppert der Schnabel am dargebotenen Fressen.

Wittert.

Riecht.

Mit einem Happs ist das Würmlein verschlungen und das Küken verlangt nach mehr. Teddy stutzt, denn Gänse sind Pflanzenfresser.

Aber Enten verspeisen manchmal auch Insekten und solange es sein Kleines glücklich macht, hält er ihm bereits den nächsten Wurm hin.