Das Dornenbärchen sitzt mit einem goldenem Ei auf einer Blumenwiese in einer märchenhaften Waldszene



Das Dornenbärchen: Kapitel IV



Nach Wochen des Irrens und Wanderns, nach Angriffen und Missgeschicken, nach Ratten, Maulwürfen und Eichhörnchen erreicht Teddy schließlich das Ende des Waldes. Aneinandergereihte Fachwerkhäuser zeugen von der Sicherheit und Geborgenheit menschlicher Zivilisation.

Dort, mit dem ordentlich gepflegten Vorgarten und der karminroten Haustür, wohnt Tom.

Sein Tom.

Sein bester Freund, den er beschützt und in kalten Nächten wärmt.

„Dort sind wir sicher, mein Kleines. Ganz bestimmt wird Tom uns helfen.“ Der Stacheldraht spannt sich um den Bauch des Bären; er ist dick geworden. Nicht Teddy, denn er ist ein Spielzeug. Nein, das Küken ist groß geworden. Droht gar bald, das an einigen Stellen gespannte Fell gänzlich zu zerreißen.

„Geh. Nur noch einige Schritte“, sagt der Bär ungeduldig, aber die Füße bleiben abrupt stehen. „Tom wird den Draht entfernen. Dann bist du frei und er wird mich wieder ganz machen.“

Doch das Küken bleibt stehen und dreht sich auf der Stelle, mit Blick auf den Wald. Die Freundlichkeit weicht aus Teddys Stimme und er schimpft:

„Wir gehen jetzt in dieses Haus, hörst du! Du bist glücklich, ich bin glücklich und Tom ist glücklich. Also, marsch in dein neues Zuhause!“

Tatsächlich geht das Küken.

Fort von dem Haus.

Vorbei an Bäumen und Sträuchern, die zurück in die Natur führen.

Teddy flucht und wirbelt mit den Tatzen, versucht, die Beine aufzuhalten, die ihn von seinem Ziel forttragen. Der Stoff am Rücken gibt nach und offenbart kastanienfarbenes, borstiges Fell. Die Vegetation nimmt zu und weiter trägt es den Bären in den Wald. Keine Worte, kein Fluch vermögen das Küken aufzuhalten. Er will nicht zurück in diesen Wald.

Zurück zu dem Marder, der es auf sie abgesehen hat.

Er hat es endlich geschafft.

Sein Tom ist so nah.

Direkt hinter dieser Tür.

Nach Monaten werden sie endlich wieder vereint sein und spielen. Spielen und kuscheln. Kuscheln und lachen. Lachen und tanzen. Tanzen und spielen. Sie müssen doch nur durch diese Tür.

Tom wartet auf ihn!

Einer von Teddys Armen bleibt am Maschendraht hängen und der Stoff reißt. Von wenigen Fäden getragen, hängt die Pranke nutzlos herunter.

Das Fell, auf das er einst so stolz war, ist verfilzt und klebt. Gemischt mit Dreck und Schmutz, den nicht einmal der Kristallsee lösen konnte. Er ist nicht mehr der Bär, der er einst war.

Er ist kaputt.

Gerissen und zerschlissen.

Die Fachwerkhäuser verschwimmen im Blättervorhang und hätte Teddy nicht Knöpfe statt Augen, so würde er weinen.

Weinen in der Ohnmacht über die Beine, die ihm nicht gehorchen und ihn forttragen. Er kann nur klagen und schreien und mit der verbliebenen Pranke wedeln. Aber es nützt nichts, es treibt ihn weiter.

Fort von diesem Hort der schönen Erinnerungen.