Das Dornenbärchen sitzt mit einem goldenem Ei auf einer Blumenwiese in einer märchenhaften Waldszene

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Das Dornebärchen Kapitel II

Schutzlos und zerbrechlich
verbleibt das Ei im geplünderten Nest.
Wo sind die Eltern?
Sollten sie nicht auf ihre Kleinen achtgeben?

Das Beste wird sein,
wenn Teddy hierbleibt
–falls der Marder zurückkommt,
um auch das letzte Ei zu fressen.
Das wird er nicht zulassen.
Er muss nur so lange ausharren,
bis die Eltern wiederkommen.

Teddy setzt sich neben das Nest,
legt den Stock in Reichweite
und begutachtet das kleine Ding.
Die Schale ist wie weißes Pergament
und so weich wie Wackelpudding.
Nein – eher wie eine Traube.

Bald wird daraus ein wunderschöner Singvogel schlüpfen,
der ihm ein Liedchen trillert
und zum Winter gen Süden wandert.

Die Nacht bricht an.
Keine Spur von Papa- oder Mamavogel.
„Lassen lange auf sich warten“,
denkt Teddy und beginnt sich zu sorgen.

Wenn niemand das Ei wärmt,
wird das Küken erfrieren.
Der Mond scheint hell in dieser
klaren Sommernacht,
die Grillen zirpen im Chor.
Teddy spürt weder Wärme noch Kälte,
denn er ist ja ein Spielzeug.
Aber die Nächte im Freien
können unnachgiebig und kalt sein.

Vorsichtig nimmt der Bär das kleine Ei
und zieht den Spalt in seinem
Bauch auseinander.
Das übrig gebliebene Futter
und Moos zu einem Nest auftürmend,
legt er es darauf.
Zufrieden nickt Teddy.
Der Nistplatz wirkt warm und behaglich.

Der Morgen bricht an.
Und die Vogeleltern singen ihm kein Lied.
Und auch nicht am nächsten Tag.
Oder dem Tag danach.

„Etwas muss ihnen zugestoßen sein“,
denkt der Bär,
als er das Rascheln eines Strauchs hinter
sich hört.
In einigem Abstand pirscht ruhelos
der Marder durchs Gebüsch.
Die schwarzen Augen auf den Stock
neben dem Kuscheltier gerichtet.

„Hier ist es nicht sicher.“
Den Marder im Knopfauge behaltend,
fügt er hinzu:
„Deine Eltern werden es sicher verstehen,
wenn ich dich in Sicherheit bringe.
Immerhin will er dich fressen.“

Nest und Sandbank verlassend,
hält Teddy den klaffenden Riss,
denn das Ei droht immer wieder herauszufallen.
Mehrere Grashalme zusammenbindend,
schnürt er sie sich um die Taille wie einen Gürtel.
Doch nach nur wenigen Metern reißen die Fasern
und der Inhalt späht gefährlich hinaus.

Als Teddy an einem verfallenen
Maschendrahtzaun steht,
kommt ihm eine Idee.
Der Draht ist biegsam und robust.
Er könnte ihn um den Bauch binden,
und die Spitzen würden das Fell nicht durchstechen.
Sobald das Vögelchen schlüpft,
wird er ihn wieder abnehmen
und das Kleine kann ins Freie.

Das Eisen zu einer Spirale biegend,
führt Teddy es mehrmals um den flauschigen Bauch
– stets bedacht,
dass kein Stachel ins Innere sticht.
Tatsächlich bleibt der Riss verschlossen.
Selbst beim Recken und Strecken
verweilt das Ei im sicheren Nest.

Aber was nun?
Was soll er tun?
Zu gern würde er zurück zu Tom
und mit ihm spielen.
Doch er muss die Eltern des Vogeleis finden.

Nur wo anfangen?
Sie könnten überall sein.
Erstmal vorwärts.

Der Sonne entgegen!