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Nun steht er vor dem See mit dem Kristallwasser.
Blickt vom Ufer bis auf den Grund.
Sieht die Algen,
die im sanften Wasser mitschwingen.
„Ich weiß jetzt,
warum du nicht zu Tom nach Hause wolltest.“
Die Füße des Kükens
planschen im seichten Ufer.
„Schon damals war ich kaputt.
Zu beschädigt,
um dem Kind noch Freude zu bereiten.
Ich hätte ihn nicht mehr
vor Albträumen beschützt.
Ich hätte sie selbst verursacht.
Und das wusstest du.“
Sein Kleines ist tiefer ins Wasser gegangen.
Der Paddelschwanz
streift ausgelassen durch das Nass.
„Ich hab dich beschützt.
Aber nicht immer so,
wie ich es hätte tun sollen.
Als wir Toms Haus verließen
und der Marder angriff,
war ich wütend.
Und feige.
Doch jetzt nicht mehr.
Jetzt weiß ich, was zu tun ist.“
Das Küken schwimmt durch den See.
Manövriert geschickt durch die Wasserwelt.
„Damit du wachsen kannst,
muss ich loslassen.“
Die verbliebene Tatze
packt den Faden.
Den einen,
der ihn zusammenhält.
Hält ihn fest.
„Ich liebe dich.“
Teddy zieht.
Reißt sich entzwei.
Er spürt keinen Schmerz.
Er ist ein Stofftier.
Arm und Fell lösen sich.
Kopf und Bauch.
Langsam treibt er
dem Grund entgegen.
Und während er sinkt,
sieht er sein Küken.
Wie es schwimmt.
Taucht.
Als wäre es
dafür gemacht.
Nicht Vogel.
Nicht Gans.
Nicht Ente.
Nicht Biber.
Sondern einfach es selbst.
Endlich sieht er es
in all seiner Pracht.
Aus einem Ei geschlüpft
ist es das einzige Säugetier,
das nicht lebend geboren wird.
Mit einem Schnabel bestückt
wühlt es im Sand nach Insekten
und navigiert unter Wasser.
Schwimmhäute tragen es
durch Seen und Flüsse.
Ein Paddelschwanz
dient als Ruder.
Das braune, borstige Fell
hält Nässe fern
und wärmt selbst im Winter.
Und um zu schützen,
was ihnen lieb ist,
tragen die Väter
einen Giftdorn an der Ferse.
Das Kleine.
Das Große.
Das Schnabeltier,
das der Bär in sich trug.
Ein Ende, denkt ihr sicherlich.
Doch nicht ganz.
Ein wenig Geduld braucht es noch.
Denn als Teddy
zum Grund treibt,
beinahe umschlungen von Algen und Grün,
fängt ihn ein Schnabeltier auf.
Trägt ihn behutsam
mit dem Schnabel.
Ihn – den Bären,
der es beschützte.
Der es hegte und pflegte.
Unser Schnabeltier legt die Reste
auf einen warmen Stein.
Unter der Sonne.
Umgeben von Ringelblumen
und Löwenzahn.
Dann kehrt es zurück
in den Kristallsee.
Jeden Tag besucht es den Bären.
Stupst ihn mit dem Schnabel an.
Als wolle es spielen.
Als wolle es Danke sagen.
Für alles.
Und dann:
Kindergeschrei.
Schritte im Sand.
Ein Junge,
der am Ufer entlanggeht.
Der spielt
und lacht.
Den Stein betrachtet.
Die Überreste entdeckt.
„So einen hatte ich einmal“,
sagt er frohlockend.
Und nimmt die Reste
von Teddy,
dem Bären,
mit nach Hause.
ENDE
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