Das Dornenbärchen sitzt mit einem goldenem Ei auf einer Blumenwiese in einer märchenhaften Waldszene



Das Dornenbärchen: Kapitel V, Teil 2



Nun steht er vor dem See mit dem Kristallwasser. Blickt vom Ufer bis auf den Grund und erblickt Algen, die im sanften Wasser mitschwingen.

„Ich weiß jetzt, warum du nicht zu Tom nach Hause wolltest.“ Die Füße des Kükens planschen im seichten Wasser. „Schon damals war ich kaputt. Zu beschädigt, um dem Kind noch Freude zu bereiten. Ich hätte ihn nicht mehr vor Alpträumen beschützt, ich hätte sie selbst verursacht und das wusstest du.“

Sein Kleines ist tiefer ins Wasser gegangen und der Paddelschwanz streift ausgelassen durch das Nass.

„Ich hab dich beschützt. Aber nicht immer so, wie ich es hätte tun sollen. Als wir Toms Haus verließen und der Marder angriff, war ich wütend und feige. Doch jetzt nicht mehr. Jetzt weiß ich, was zu tun ist.“

Das Küken schwimmt durch den See und manövriert geschickt durch die Unterwasserwelt.

„Damit du wachsen kannst, muss ich loslassen.“ Die verbliebene Tatze packt den Faden, der ihn zusammenhält.

Hält ihn fest.

„Ich liebe dich.“

Teddy zieht.

Reißt sich entzwei.

Teddy spürt keinen Schmerz, er ist ja ein Stofftier.

Arm und Fell lösen sich, so wie Kopf und Bauch. Während er auf den Grund treibt, sieht er sein Küken, das schwimmt und taucht, als wäre es dafür gemacht. Das Nicht-Vogel-nicht-Gans-nicht-Ente-und-nicht-Bibertier.

Endlich sieht er es in all seiner Pracht. Aus einem Ei geschlüpft, ist es eines der wenigen Säugetiere, die nicht lebend geboren werden. Mit einem Schnabel bestückt, wühlt es durch den Sand, um Insekten aufzuspüren und unter Wasser zu navigieren. Es hat Schwimmhäute an den Füßen, um durch das Wasser zu gleiten, und einen Paddelschwanz, den es als Ruder benutzt. Durch das braune, borstiges Fell dringt kein Nass und es hält selbst im Winter warm. Und um ihre Jungen zu beschützen, haben die Männchen einen Giftdorn an der Ferse und verteidigen so, was ihnen lieb ist.

Das Kleine.

Das Große.

Das Schnabeltier, das der Bär in sich trug.

Ein Ende, denkt ihr sicherlich.

Doch nicht ganz.

Ein klein wenig Geduld braucht es noch.

Denn als Teddy zu Boden treibt, beinahe eingenommen von Algen und Grün, fängt ihn ein Schnabeltier auf.

Trägt ihn behutsam zwischen den Zähnen. Ihn, den Bären, der es beschützte. Ihn hegte und pflegte.

Unser Schnabeltier legt die Reste auf einen Stein unter der Sonne, umgeben von Ringelblumen und Löwenzahn. Und kehrt zurück in den Kristallsee.

Jeden Tag besucht es den Bären. Stupst ihn mit dem Schnabel an, als wolle es spielen.

Als wolle es Danke sagen.

Für alles.

Und dann: Kindergeschrei.

Schritte im Sand. Ein Junge, der den Strand entlanggeht. Der spielt und lacht und den Stein betrachtet. Die Überreste entdeckt und spricht:

„So einen hatte ich einmal.“

Und die Reste von Teddy, dem Bären, mit nach Hause nimmt.

ENDE


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