Nichts – mystische Gestalt steht vor leuchtendem Zentrum des Universums in einer philosophischen Fantasy Szene

Im Zentrum des Universums wartet
das letzte Geheimnis der Existenz.

Das mächtigste Wesen der Schöpfung
begibt sich auf eine Reise,
die alles infrage stellt,
was ist – und was jemals war.

Am Ende erwartet ihn eine Wahrheit,
die selbst die Realität ins Wanken bringt.

Dauer: ca. 15 Minuten

Kapitel: [1] | [2] | [3]

1 – Kunst und Kultur



Wir blicken in die Schwärze.

Umgeben von einem statischen Rahmen
ist es nicht die Leere,
die uns berührt,
sondern die rund eine Billion Kupferatome im Zentrum.
Nicht größer als ein Staubkorn bilden sie
fotorealistisch die Sonne von Tetra 232 ab.

Dieses Muster zu formen,
hat uns in minutiöser Handarbeit
ungefähr eintausend Jahre gefordert.

Jedes Kupferatom wiederum
besteht aus genau 190 Quarks.
In der Natur variiert deren Anzahl,
doch für dieses Kunstobjekt haben wir jedes
einzelne Atom nach harten Kriterien ausgewählt.

Diese Quarks sind so ausgerichtet,
dass sie der Spiralgalaxie unseres Heimatsystems gleichen.
Die 1,9 Billiarden winzigster Partikel in Position
zu bringen, nahm ungefähr 100.000 Jahre in Anspruch.

Was uns aber wirklich bewegt,
was uns tief in unserem Innersten ergreift,
sind die Quetsch,
aus denen die Quarks bestehen.
Das Bildnis eines regnerischen Tages auf dem Mutterplaneten.

Ein Quetsch ist so unendlich klein,
dass es einen Teilchenbeschleuniger von der Größe
eines Standardsonnensystems benötigt,
um es zu erkennen.
Ein Quark besteht aus 366 Quetsch,
und die finale Anordnung dieser über 695 Billiarden
Teilchen dauerte eine weitere Million Jahre.
Und es war jede einzelne Sekunde wert.

Was noch kleiner als ein Quetsch ist?
Eine Erkenntnis,
die uns lange Zeit verborgen blieb
– und deren Erforschung selbst für
uns mit enormen Mühen verbunden war.

Sobald man dem Aufbau eines Quetsch nachgeht,
kommt man zu folgendem Schluss:
Da ist nichts.
Im Wesen seiner Existenz besteht alles aus nichts.
Und nichts ist alles.
Materie – sobald man tief genug blickt – hat
keine Struktur mehr.

Wir schlucken,
als wir über die kurze Entstehungsphase
dieses einmaligen Meisterwerks nachdenken.
Dagegen war die Katalogisierung des Lebens
eine Sisyphusarbeit – und sie ist letztlich niemals beendet.

Von jeder Pflanze, jedem Tier
und jedem mikroskopischen Lebewesen haben
wir einen Ableger in der Arche in Stase verwahrt.
Angetrieben von der Energie einer Dysonsphäre,
der ganzen Macht eines Sterns,
liegt sie in sicherer Verwahrung im Herzen des Imperiums.
Hinter einem Schutzwall aus Plasmakanonen
und automatischen Kriegsschiffen kann
niemand dieser Sammlung etwas anhaben.

Gelegentlich holen wir einige unserer Lieblinge aus der Stase.
Bunga Bunga zum Beispiel.

Einst eine aufstrebende Spezies,
zerstörten sie sich in einer Kettenreaktion aus Wut,
Hass und Ignoranz beinahe selbst.
Durch einen Atomkrieg wurde ihr
Heimatplanet verstrahlt,
und das Überleben dort fällt schwer.

Dennoch hat sich die Natur zurückgekämpft.
Ebenso wie Bunga Bunga,
der uns in Tierfell gekleidet und mit
Keule bewaffnet begegnete.
Was bringt er uns mit seinen Späßen
doch zum Glucksen.

Er muss uns für eine Art Gott
halten – genau wie seine Vorfahren,
die wir dereinst besuchten.

Dabei wissen wir:
Alles ist nichts,
und nichts ist alles.
Und nichts ist schneller als das Licht.

Sich bewusst zu sein,
dass man Nichts ist – dieses tiefe Verständnis –
lässt einen alle Regeln der Physik aushebeln
und umgehen.

Wir schließen die Augen und öffnen sie wieder.

Wir sind nicht mehr vor dem Bild im Bild im Bild
am Rande des Universums,
sondern in einem anderen Sternensystem
– im Zentrum des Imperiums.

Alle bekannten Galaxien schweben als Hologramm
über einer Konsole.
Blinkende Lichter symbolisieren zahllose
Dysonsphären – ein Garant für unbegrenzte
und jederzeit verfügbare Energie.

Nur Systeme ohne nennenswertes
Leben dienen diesem Zweck.
Ist eine Sonne von Strukturen abgeschirmt,
stirbt alles den Kältetod.
Denn Licht bedeutet Leben.

Grüne Lampen repräsentieren kultivierte
Gartenwelten – Planeten,
auf denen wir Leben angesiedelt und vermehrt haben.
Zuerst bekannte Spezies,
nach und nach jedoch eigene Kreationen.

Rot dämmernd erscheinen Gesteinsplaneten,
die terraformiert werden.
Lavaströme, eingefrorene Kontinente, ein mangelndes
oder gar kein Magnetfeld und somit kein ausreichender Schutz
vor kosmischer Strahlung
– um diese Welten uns und anderen Spezies dienlich
zu machen,
werden ihre Eigenschaften neu definiert.

Gelb markiert Quarantäneplaneten.
Ähnlich wie der von Bunga Bunga.
Sie bergen eine gewisse Gefahr:
radioaktive Strahlung,
ein aufgeblähter roter Riese in der
Nähe oder parasitäre Lebensformen.
Nicht für uns sind diese Planeten bedenklich,
sondern für unsere Schützlinge.

Das ist für uns der Sinn des Lebens:
dem Leben einen Sinn zu geben.
Die Ödnis des Weltalls ergrünen zu lassen.
Denn Leben bedeutet Möglichkeiten.

Reproduktion ist eine weitere Möglichkeit,
dem Leben einen Sinn zu verleihen.
Doch seit unserem Zusammenschluss brauchen
wir diese unnötige Zeitverschwendung nicht mehr.
Wir müssen uns nicht mehr an die Umwelt anpassen.

Wir sind perfekt.
Doch nach einer Existenz von nahezu 250 Millionen
Jahren breitet sich eine gewisse Resignation aus.