2 – Labyrinth
Mit der Hand wischen wir über die Konsole.
Zahllose Dysonsphären blinken aggressiv auf,
als zwei Galaxien durch diese Geste um Milliarden
von Lichtjahren verschoben werden.
Doch da ist dieses eine letzte Rätsel, das uns wurmt.
Im Zentrum des Universums,
an dem Punkt, an dem sich alle Achsen treffen,
befindet sich ein von schwarzen Löchern
und Quasaren durchzogener Ort.
Wir streichen mit der Hand über diesen Stecknadelkopf.
Während sich alle umliegende Materie verwischen lässt,
bleibt diese Urgewalt unverändert.
Das Labyrinth aus Gravitation und hochenergetischer
Strahlung widersetzt sich dem Nichts.
Nichts kann dort überleben.
Nichts kann es durchdringen.
Aber wir sind Nichts.
Wir haben alles erreicht.
Selbst Sterne erschaffen und den Urknall durchblickt.
Erkannt,
dass er nicht sämtliche Materie ausgespien hat.
Sie ist aus dem Nichts entstanden.
War plötzlich da – wie die Gesetze der Physik.
Die Gesetze, die wir nun umgehen.
Den Entschluss fassend,
auch dieses letzte Geheimnis zu lüften,
schließen wir die Augen.
Und öffnen sie wieder bei −270 Grad Celsius
in der „Nähe“ des unveränderbaren Ortes.
Kälte kann uns nichts anhaben – genauso wenig
wie Strahlung oder das Vakuum.
Wir weiten unsere Augen und bewegen mit
unglaublicher Geschwindigkeit den Raum um uns herum.
Gravitation, die nicht einmal Licht entkommen lässt,
findet keinen Halt an uns.
Das Netzwerk aus schwarzen Löchern ist undurchschaubar.
Es würde alles andere gierig in sich aufnehmen
und in einer Falle aus nahezu unendlich
verlangsamter Zeit zermalmen.
Das tödlichste Objekt des
Universums – ein Quasar – schießt einen
Lichtkegel ins All.
So viel Energie,
wie eine Sonne in ihrem gesamten Leben produziert,
wird in wenigen Minuten freigesetzt.
Der Ausstoß trifft uns mit voller Härte.
Billionen Grad heißes Plasma – doch uns geschieht nichts.
Nichts …
Wir sind unsterblich.
Unzerstörbar.
Wir sind ewig.
Wir nähern uns dem absoluten Zentrum.
Das Labyrinth aus tödlicher Strahlung ist überwunden.
Es hätte nicht auf dem richtigen Weg gelöst werden können,
sondern nur,
indem jedes Hindernis mit maximaler
Härte durchbrochen wurde.
Im Herzen des Universums schwebt etwas.
Kaum größer als ein Meteorit.
Eine Art winziger Planet.
Weiß und klein wie eine Perle,
umgeben von der Schale des Alls.
Die Auster der Existenz.
Nur wenige Minuten bräuchte es,
diesen perlmuttfarbenen Himmelskörper
zu Fuß zu umrunden.
In der Atmosphäre fliegt eine Kugel
und zieht ihre Bahnen – eine künstliche Sonne,
die Licht spendet und den Tag simuliert.
Auf der gegenüberliegenden Seite folgt ein Trabant.
Der Mond dieses Planeten,
der die Nacht repräsentiert.
Wir landen auf der Oberfläche,
die aus einem selbst uns unbekannten Material besteht.
Steriles Weiß.
Als wäre es ein keimfreies Labor.
So übernatürlich hell,
dass der Boden zu leuchten beginnt,
wenn die Mini-Sonne darüber hinwegzieht.
Unter dem Trabanten wiederum
wandelt sich der Boden zu durchsichtigem Glas,
das einen Einblick in einen schier
unendlichen Kern gewährt.
Kein Eisenkern, der sich dreht und
ein Magnetfeld erzeugt – wie auf der Erde.
Nach allem, was wir sagen können,
ist dieses Massenphänomen hohl und müsste
eigentlich unter seinem eigenen Gewicht
zusammenbrechen.
Kein Baum,
kein Strauch,
nicht einmal ein Grashalm
wächst an diesem Ort.
Als wir über den Boden laufen
und mit den Füßen das Material fühlen,
ist es zugleich heiß und kalt.
Hart und weich.
Spitz und stumpf.
Nahezu alle Eigenschaften,
die man sich vorstellen kann – gleichzeitig.
Es ist unmöglich,
sich auf einen Gefühlszustand festzulegen.
Schritt für Schritt tragen uns unsere Füße
über diese Perle,
auf der Suche nach einer Höhle,
einem Gebäude oder irgendeiner
geografischen Auffälligkeit.
Kurz bevor wir aufgeben und dieses Unterfangen
abbrechen wollen,
ragt hinter der nächsten Krümmung eine Säule auf.
Über diese Stelle sind wir bereits mehrere
Male gelaufen – da sind wir uns sicher.
Zuvor war dort nichts.
Jetzt steht dort ein Podest.
Aus demselben Material,
aus dem auch der Planet zu bestehen scheint.
In das Podest eingelassen ist ein roter Knopf.
Er wirkt so fehl am Platz wie ein
kadmuntanischer Schleierwal auf einer Teeparty.
Wir atmen das Vakuum ein – und stutzen.
In sauberen, pulsierenden Lettern steht
dort in unserer Muttersprache:
„Bitte drücken!“
Wir sind verwirrt,
denn wir waren nie zuvor an diesem Ort.
Wie soll diese Schrift auf das Podest gekommen sein?
Seit dem Zusammenschluss sind Millionen
von Jahren vergangen,
und unsere Vorfahren hatten nicht die technischen Mittel,
das Labyrinth zu durchbrechen und
diese Perle auf konventionelle Weise zu erreichen.
Vergeblich versuchen wir,
den Knopf zu durchblicken.
Ihn zu nichtsifizieren,
so wie wir alles andere verändern.
Doch er entzieht sich unserem Willen.
Verärgert drücken wir den Knopf.
Und warten.