Das Dornenbärchen sitzt mit einem goldenem Ei auf einer Blumenwiese in einer märchenhaften Waldszene



Das Dornenbärchen: Kapitel III, Teil 2



An einer Klippe angekommen, tosen unter ihm die Wellen und branden gegen schroffen Fels. Der Kristallsee, mit Wasser so klar, dass die auf dem Grund wiegenden Algen zu sehen sind.

„Halt, mein Kleines. Der Fall ist tief und der Aufprall hart. Wir gehen besser außen herum, immerhin können wir beide nicht schwimmen.“

Das Nicht-Vöglein-nicht-Gänslein-vielleicht-Entlein hört und dreht bereits auf der Stelle, da knurrt Teddy der Magen.

Nicht sein eigener.

Immerhin ist er ein Spielzeug und verspürt keinen Hunger. Nein, das Küken knurrt. Lang und tief, beinahe bedrohlich.

„Du kriegst gleich einen Wurm“, beruhigt der Bär sein Kleines, doch die Füße treten unruhig auf dem Gras und der Schnabel, der aus dem Spalt lugt, zittert witternd und schnüffelnd.

Im Schatten des Waldes zeichnet sich fleckiges, ungepflegtes Fell ab. Pellt sich aus dem Unterholz wie eine Schlange, die ihre Haut ablegt.

Der Marder hat sich angeschlichen.

Sie über Wochen verfolgt.

Gefunden, um sein Festmahl zu beenden.

Er ist mager geworden, mit eingefallenen Augen. Die Nase aufgeplatzt und wund. Den gläsernen Blick nicht von Teddys Bauch lösend, will er es! Will es so unbedingt, dass es ihn nicht ruhen lässt!

„Lauf“, ruft der Bär. „Lauf an ihm vorbei oder spring über ihn drüber, so wie damals. Du schaffst das, es wird garantiert klappen.“

Doch der Marder ist vorbereitet. Hat Plan um Plan geschmiedet für jede Eventualität. Werden sie springen, weicht er zur Seite aus und beißt zu. Sollten sie über die schmalen Seiten ausweichen, die direkt an ihm vorbeiführen, beißt er ebenfalls zu. Mit der Klippe im Rücken sitzen sie in der Falle und sind ihm schutzlos ausgeliefert.

„Du schaffst das“, beruhigt der Bär erneut sein Kleines.

Tatsächlich laufen die Beine los.

Aber nicht am Marder vorbei oder über ihn rüber.

Sondern auf die Klippe zu!

„Das ist der falsche Weg“, ruft der Bär, doch es ist zu spät. Sie fallen in die Tiefe. Fallen gen See und dringen in das bitterkalte Nass.

Wasser umschließt sie und zieht das Geschöpf in die Tiefe, zu den Algen. Teddy rudert mit den Armen, aber es hilft nichts.

Sein Küken strampelt mit den Füßen, doch sie sinken weiter.

Als sie auf den sandigen Grund stoßen, inmitten der Schlingpflanzen, steigt in Teddy die Panik hoch. Als Spielzeug braucht er nicht zu atmen, aber sein Kleines, das Küken, wird ertrinken. Der Kampf gegen das Wasser ist aussichtslos, der Grund zieht sie an und lässt nicht mehr los.

„Es stirbt“, denkt Teddy, als der Schnabel durch den Spalt frische Luft sucht. Er hat seine Aufgabe nicht erfüllt, konnte das Kleine nicht mit seinen Eltern vereinen. Stattdessen werden sie ewig in diesem nassen Grab ruhen.

Ritsch.

Dort, wo einst sein Puschelschwanz war, ist nun etwas Neues. Lang und flach, wie ein Paddel, aus Leder gebunden, ist dieser Schwanz. Mit einem Streich trägt er Teddy zwei Meter vom Algengrund fort.

Ein zweiter Schwung und das rettende Ufer ist ganz nah. Zum dritten Mal schneidet der Schwanz durch das Wasser und im hohen Bogen durchbrechen Bär und Küken die Oberfläche, fliegen durch die Luft und landen auf dem Sandstrand.

Frischer Sauerstoff! Das Fell vor Wasser triefend, schnappt der Schnabel nach Atem.

Teddy ist erleichtert.

Erleichtert, dass seinem Kleinen nichts passiert ist, dass sie dem Marder entkamen und den Sturz überlebten. Dem Kristallsee zu entrinnen grenzt an ein Wunder, doch den Paddelschwanz betrachtend, denkt er erneut: „Was zum Kuckuck ist da in mir drin?“

Der Schwanz ähnelt dem eines Bibers, aber diese Tiere schlüpfen nicht aus Eiern, sie werden lebend geboren und sind Pflanzenfresser. Filigran peitscht die kräftige Rute durch die Luft, zuckt gespannt, um dann ruhig hinunterzugleiten. Die vorher tapsigen Schritte des Kükens sind nun sicher und trittfest, denn der Schwanz balanciert sie elegant aus.