Das Dornenbärchen sitzt mit einem goldenem Ei auf einer Blumenwiese in einer märchenhaften Waldszene

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An einer Klippe angekommen,
tosen unter ihm die Wellen
und branden gegen schroffen Fels.

Ein Kristallsee.
Das Wasser so klar,
dass die auf dem Grund wiegenden Algen zu sehen sind.

„Halt,
mein Kleines.
Der Fall ist tief
und der Aufprall hart.
Wir gehen besser außen herum.
Immerhin können wir beide nicht schwimmen.“

Das Nicht-Vöglein-nicht-Gänslein-vielleicht-Entlein hört
und dreht bereits auf der Stelle.

Da knurrt Teddys Magen.
Nicht sein eigener.
Er ist ein Spielzeug
und verspürt keinen Hunger.

Nein.

Das Küken knurrt.
Lang.
Tief.
Beinahe bedrohlich.

„Du kriegst gleich einen Wurm“,
beruhigt der Bär sein Kleines.
Doch die Füße treten unruhig im Gras.
Und der Schnabel,
der aus dem Spalt lugt,
zittert.

Witternd.
Schnüffelnd.

Im Schatten des Waldes
zeichnet sich fleckiges,
ungepflegtes Fell ab.
Es pellt sich aus dem Unterholz –
wie eine Schlange,
die ihre Haut abstreift.

Der Marder.

Er hat sich angeschlichen.
Sie über Wochen verfolgt.
Gefunden.
Um sein Festmahl zu beenden.

Er ist mager geworden.
Mit eingefallenen Augen.
Die Nase aufgeplatzt und wund.
Den gläsernen Blick
nicht von Teddys Bauch lösend.

Er will es.
Will es so unbedingt,
dass es ihn nicht ruhen lässt.

„Lauf!“,
ruft der Bär.
„Lauf an ihm vorbei oder spring über ihn drüber,
so wie damals.
Du schaffst das – es wird garantiert klappen!“

Doch der Marder ist vorbereitet.
Hat Plan um Plan geschmiedet
für jede Eventualität.

Wollen sie springen,
weicht er zur Seite aus
und beißt zu.
Versuchen sie es an den schmalen Seiten,
die direkt an ihm vorbeiführen,
beißt er ebenfalls zu.
Mit der Klippe im Rücken
sitzen sie in der Falle.

Schutzlos.

„Du schaffst das“,
flüstert der Bär erneut.
Tatsächlich laufen die Beine los.

Aber nicht am Marder vorbei.
Nicht über ihn hinweg.
Sondern auf die Klippe zu.
„Das ist der falsche Weg!“, ruft Teddy.

Doch es ist zu spät.
Sie fallen.
Fallen in die Tiefe.
Fallen dem See entgegen.

Und durchbrechen das bitterkalte Nass.
Wasser umschließt sie.
Zieht das Geschöpf in die Tiefe,
hinab zu den Algen.

Teddy rudert mit den Armen.
Doch es hilft nichts.
Sein Küken strampelt mit den Füßen.
Aber sie sinken weiter.
Als sie auf den sandigen Grund stoßen,
inmitten der Schlingpflanzen,
steigt in Teddy die Panik auf.

Er braucht keine Luft.
Er ist ein Spielzeug.
Aber sein Kleines –
sein Küken –
wird ertrinken.
Der Kampf gegen das Wasser ist aussichtslos.
Der Grund zieht sie an.
Lässt nicht mehr los.

„Es stirbt“,
denkt Teddy,
als der Schnabel durch den Spalt
vergeblich nach Luft sucht.
Er hat seine Aufgabe nicht erfüllt.

Konnte das Kleine nicht
mit seinen Eltern vereinen.
Stattdessen werden sie
ewig in diesem nassen Grab ruhen.

Ritsch.

Dort,
wo einst sein Puschelschwanz war,
ist nun etwas Neues.
Lang.
Flach.
Ein Schwanz wie ein Paddel.
Aus Leder gebunden.

Mit einem Schlag
trägt es Teddy zwei Meter
vom Algengrund fort.
Ein zweiter Schwung –
das rettende Ufer ist nah.
Zum dritten Mal schneidet der Schwanz
durch das Wasser.

Im hohen Bogen
durchbrechen Bär und Küken die Oberfläche,
fliegen durch die Luft
und landen auf dem Sandstrand.

Frischer Sauerstoff.
Das Fell trieft vor Wasser.
Der Schnabel schnappt nach Atem.

Teddy ist erleichtert.
Erleichtert,
dass seinem Kleinen nichts geschehen ist.
Dass sie dem Marder entkamen.
Den Sturz überlebten.
Dem Kristallsee zu entrinnen
grenzt an ein Wunder.

Doch den Paddelschwanz betrachtend
denkt er erneut:
„Was zum Kuckuck ist da in mir drin?“

Der Schwanz ähnelt dem eines Bibers.
Aber Biber schlüpfen nicht aus Eiern.
Sie werden lebend geboren.
Und sind Pflanzenfresser.

Filigran peitscht die kräftige Rute
durch die Luft.
Zuckt gespannt.
Kommt zur Ruhe.

Die zuvor tapsigen Schritte
sind nun sicher und trittfest.
Der Schwanz balanciert sie
elegant aus.