Das Dornenbärchen: Kapitel III
Vollkommen aus dem Häuschen springt Teddy durch den Wald. Pickt hier und da ein Würmchen oder eine Blattlaus auf und füttert sein Küken. Das Neugeborene, das weder Singvogel noch Gans, aber vielleicht eine Ente zu sein scheint.
So ausgelassen singt Teddy, dass er die Augen nicht bemerkt, die ihn verfolgen.
Die ihn beobachten, seit er den Maulwurfsbau verlassen hat. Die auf eine Gelegenheit warten, seit dieser Fremde ihn mit dem Stock überraschte.
Lautlos schleicht der Marder durchs Unterholz und pirscht sich heran. Hungrig knurrt ihm der Magen, aber seine nächste Mahlzeit ist im Bauch des singenden und tanzenden Bären. Das süße Eigelb, das glibberig lecker im Maul mundet, und das wohlig knackende Klingen der Eierschale, wenn sie zwischen den Zähnen zerbricht.
Dieser Bär hat keinen Stock.
Und keinen Stein.
Keine Krallen.
Nicht einmal Zähne.
Er tanzt dort ohne jedweden Schutz.
Schattenhaft schnellt der Marder über das offene Feld.
Haps.
Teddy kommt ins Straucheln, als ihm das Bein genommen wird. Wo er gerade noch feierte und frohlockte, humpelt er nun und versucht zu begreifen, was passiert ist.
Wieder setzt der Marder an, nimmt Geschwindigkeit auf und stürmt los.
Haps.
Das andere Bein hängt zwischen den Zähnen des Raubtiers und obwohl Teddy der Stoff aus den Hüften schaut, verspürt das Kuscheltier keinen Schmerz. Schutzlos wie ein rohes Ei liegt er auf dem Boden, die pelzigen Tatzen zum letzten aussichtslosen Kampf erhoben.
„Du wirst mein Kleines nicht bekommen“, schreit Teddy, aber der Marder kommt mit sabberndem Maul näher.
Ritsch!
Da, wo nur Fäden und Stoff an Teddys Beine erinnern, ist nun ein neues Paar. Schwarze, mit Schwimmhäuten bestückte Füße, die unsicher und doch kraftvoll auftreten und den Waldboden fühlen. Feuchte, weiche Erde, ganz anders als das flauschige Innere des Bären.
Das Nicht-Vogel-nicht-Gans-vielleicht-Enten-Ding läuft ein, zwei Meter, da strauchelt Teddy und fällt um. Hechelnd setzt der Marder hinterher, verwirrt und überrascht, dass seine Mahlzeit, obwohl beinlos, davonläuft.
„Schnell, mein Kleines“, sagt Teddy, „bring uns in Sicherheit, sonst endest du als Marderfraß.“ Wieder landet der Bär auf den Füßen und sprintet los. „Das ist die falsche Richtung!“
Zähne fletschend braucht der Marder nur das Maul zu öffnen, denn seine Mahlzeit kommt auf ihn zugestürmt. Es sieht nicht, wohin es läuft. Kann nicht mehr als den Schnabel durch den Spalt auf Teddys Bauch strecken.
Reißzähne sind bereit zuzuschnappen, da machen die Füße im letzten Moment einen Sprung.
So kräftig sind die Beine, dass Teddy fliegt.
Über Zähne, Maul und Verderben.
Auf den Rücken des Marders, der schmerzhaft aufheult und sich windet.
Weiter laufen diese Beine, immer weiter. Lassen geschwind alles hinter sich. Teddy schaut über die Schulter, duckt sich unter Ästen und Wurzeln. Sie haben ihn abgehängt. Sein Küken hat sie in Sicherheit gebracht!
Auf einer Wiese angekommen, halten die Beine auf dem wilden Rasen an. Ein Meer aus Sonnenblumen wächst gen Himmel und eine Stimme sagt: „Was’n du für’n komisches Ding?“
Ein Eichhörnchen mit blauer Weste und Shorts hält eine Gitarre und betrachtet das seltsame Geschöpf von einem Ast. Es ist ein altes Instrument, gespickt mit Schrammen, und das Holz ist vom Sonnenlicht ausgeblichen.
Teddy antwortet stolz: „Ich bin Teddy, der Bär. Toms liebstes Kuscheltier und sein bester Freund.“
„Das ist offensichtlich“, sagt das Eichhörnchen, auf einem Zahnstocher kauend, und spielt einen schrägen Ton auf der Gitarre. „Aber was sind das für Füße? Warum hast du Maschendraht um den Bauch?“
„Hab ein Ei gefunden und es vor dem Marder beschützt.“
„Der Marder“, quiekt das Eichhörnchen, stellt die Ohren auf und lässt vor Schreck den Zahnstocher fallen. „Der ist bekannt“, fügt es hinzu und entspannt die Lauscher, als es mit dem Kopf in alle vier Richtungen blickt und keine Gefahr droht. „Mag keine Musik. Übrigens, ich bin Erik. Erik, das Eichhörnchen.“
Teddy nickt verständnisvoll, dann fährt er fort: „Damit das Ei nicht aus meinem Bauch fällt, hab ich den Draht drum gewickelt. Jetzt ist es geschlüpft und ich möchte es endlich sehen, aber er hat sich verkantet. Wirst du mir helfen?“
Erik holt einen neuen Zahnstocher hervor, beginnt darauf zu kauen und begutachtet den Bären mit dem Draht. Ungeduldig tanzen die Entenfüße auf dem Boden, da streichelt Teddy den Bauch und flüstert:
„Hab noch etwas Geduld, gleich kommst du raus und kannst die Welt erkunden. Dann werd ich dich in all deiner Pracht sehen.“
Erik dreht und zieht an dem Draht, sodass die Spitzen sich weiter ins Fell bohren und die Beine immer heftiger auf der Stelle treten.
„Ich krieg’s nicht auf“, sagt das Eichhörnchen, nimmt die Gitarre und beginnt, die oberste Saite zu stimmen. „Ist verrostet.“
„Was soll das heißen?“, fragt Teddy und die Beine bleiben steif stehen.
„Das ist doch offensichtlich: Der Draht bleibt dran.“
In Gedanken versunken trägt es ihn durch den Wald: Wenn der Draht nicht abgeht, wird das Kleine nicht herauskönnen. Aber es wird wachsen und mehr Platz verbrauchen, so weit wachsen, bis … ja, bis Teddy platzt?
Das wäre furchtbar, denn immerhin möchte er zurück ins Spielzimmer. Zurück zum Soldaten, der nach Abenteuern ruft. Zurück zur Porzellanpuppe im gelben Kleid, die darauf achtet, dass nichts zu Bruch geht. Zurück zu Tom, der vor Alpträumen und Ängsten beschützt werden muss. Der gekuschelt, gedrückt und liebkost gehört.
Auch wenn Teddy nicht mehr so flauschig ist, vor Schmutz trieft und ziemlich ramponiert ist, bleibt er doch ein liebendes Kuscheltier.