Kapitel: [1] | [2] | [3] | [4] | [5]
Das Dornebärchen Kapitel III
Vollkommen aus dem Häuschen
springt Teddy durch den Wald.
Er pickt hier und da ein Würmchen
oder eine Blattlaus auf
und füttert sein Küken.
Das Neugeborene,
das weder Singvogel noch Gans,
aber vielleicht eine Ente zu sein scheint.
So ausgelassen singt Teddy,
dass er die Augen nicht bemerkt,
die ihn verfolgen.
Die ihn beobachten,
seit er den Maulwurfsbau verlassen hat.
Die auf eine Gelegenheit warten,
seit dieser Fremde ihn mit dem Stock überraschte.
Lautlos schleicht der Marder durchs Unterholz
und pirscht sich heran.
Hungrig knurrt ihm der Magen.
Seine nächste Mahlzeit
befindet sich im Bauch
des singenden und tanzenden Bären.
Dieser Bär hat keinen Stock.
Und keinen Stein.
Keine Krallen.
Nicht einmal Zähne.
Er tanzt dort ohne Schutz.
Schattenhaft schnellt der Marder
über das offene Feld.
Haps.
Teddy gerät ins Straucheln.
Etwas zerrt an ihm.
Wo er eben noch feierte,
fällt er nun zu Boden
und versucht zu begreifen,
was geschieht.
Wieder setzt der Marder an.
Nimmt Geschwindigkeit auf.
Haps.
Teddy wird herumgeworfen,
rollt über den Waldboden.
Stoff reißt.
Fell wird zerzaust.
Seine Beine sind nicht mehr da!
Doch Schmerz kennt er nicht.
Er ist ein Spielzeug.
Schutzlos liegt er da,
die pelzigen Tatzen erhoben.
„Du wirst mein Kleines nicht bekommen!“,
schreit Teddy.
Der Marder kommt näher.
Sabbernd.
Knurrend.
Ritsch.
Da, wo nur noch Fäden und Stoff,
an Teddys Beine erinnern,
sind nun ein neues Paar.
Schwarze Füße.
Mit Schwimmhäuten.
Unsicher –
und doch kraftvoll
treten sie auf
und fühlen den Waldboden.
Feuchte, weiche Erde.
Ganz anders
als das flauschige Innere des Bären.
Das Nicht-Vogel-nicht-Gans-vielleicht-Enten-Ding
läuft ein, zwei Meter.
Da strauchelt Teddy und fällt um.
Hechelnd setzt der Marder hinterher,
verwirrt und überrascht,
dass seine Mahlzeit – obwohl beinlos –
davonläuft.
„Schnell, mein Kleines“, ruft Teddy,
„bring uns in Sicherheit,
sonst endest du als Marderfraß!“
Wieder landet der Bär auf den Füßen
und sprintet los.
„Das ist die falsche Richtung!“
Zähne fletschend braucht der Marder
nur das Maul zu öffnen,
denn seine Mahlzeit
kommt direkt auf ihn zugestürmt.
Es sieht nicht, wohin es läuft.
Kann nicht mehr,
als den Schnabel
durch den Spalt auf Teddys Bauch zu strecken.
Die Reißzähne sind bereit zuzuschnappen –
da machen die Füße im letzten Moment
einen Sprung.
So kräftig sind die Beine,
dass Teddy fliegt.
Über Zähne.
Über Maul.
Über Verderben.
Auf den Rücken des Marders,
der schmerzhaft aufheult
und sich windet.
Weiter laufen diese Beine.
Immer weiter.
Lassen geschwind alles hinter sich.
Teddy schaut über die Schulter,
duckt sich unter Ästen und Wurzeln.
Sie haben ihn abgehängt.
Sein Küken hat sie in Sicherheit gebracht.
Auf einer Wiese angekommen,
halten die Beine im wilden Rasen an.
Ein Meer aus Sonnenblumen wächst gen Himmel.
„Was’n du für’n komisches Ding?“
Ein Eichhörnchen mit blauer Weste und Shorts
hält eine Gitarre
und betrachtet das seltsame Geschöpf von einem Ast aus.
Das Instrument ist alt,
gespickt mit Schrammen.
Das Holz ausgeblichen vom Sonnenlicht.
Teddy antwortet stolz:
„Ich bin Teddy, der Bär.
Toms liebstes Kuscheltier
und sein bester Freund.“
„Das ist offensichtlich“,
sagt das Eichhörnchen,
kaut auf einem Zahnstocher
und spielt einen schrägen Ton auf der Gitarre.
„Aber was sind das für Füße?
Warum hast du Maschendraht um den Bauch?“
„Hab ein Ei gefunden
und es vor dem Marder beschützt.“
„Der Marder?“
quiekt das Eichhörnchen,
stellt die Ohren auf
und lässt vor Schreck den Zahnstocher fallen.
„Der ist bekannt“,
fügt er hinzu und entspannt sich erst,
als er in alle vier Richtungen blickt
und keine Gefahr droht.
„Mag keine Musik.
Übrigens – ich bin Erik.
Erik das Eichhörnchen.“
Teddy nickt.
„Damit das Ei nicht aus meinem Bauch fällt,
hab ich den Draht drum gewickelt.
Jetzt ist es geschlüpft
und ich möchte es endlich sehen.
Aber er hat sich verkantet.
Wirst du mir helfen?“
Erik holt einen neuen Zahnstocher hervor,
beginnt darauf zu kauen
und begutachtet den Draht.
Ungeduldig tanzen die Entenfüße auf dem Boden.
Da streichelt Teddy seinen Bauch und flüstert:
„Hab noch etwas Geduld.
Gleich kommst du raus
und kannst die Welt erkunden.
Dann werd ich dich
in all deiner Pracht sehen.“
Erik dreht und zieht am Draht,
sodass die Spitzen sich weiter ins Fell bohren
und die Beine noch hektischer treten.
„Ich krieg’s nicht auf“,
sagt das Eichhörnchen,
nimmt die Gitarre
und beginnt, die oberste Saite zu stimmen.
„Ist verrostet.“
„Was soll das heißen?“, fragt Teddy.
Die Beine bleiben steif stehen.
„Das ist doch offensichtlich“,
sagt Erik trocken.
„Der Draht bleibt dran.“
In Gedanken versunken trägt es ihn durch den Wald.
Wenn der Draht nicht abgeht,
wird das Kleine nicht herauskönnen.
Aber es wird wachsen.
Mehr Platz verbrauchen.
So weit wachsen, bis …
ja, bis Teddy platzt?
Das wäre furchtbar.
Denn immerhin möchte er zurück ins Spielzimmer.
Zurück zum Soldaten,
der nach Abenteuern ruft.
Zurück zur Porzellanpuppe im gelben Kleid,
die darauf achtet,
dass nichts zu Bruch geht.
Zurück zu Tom,
der vor Albträumen und Ängsten
beschützt werden muss.
Der gekuschelt,
gedrückt und liebkost gehört.
Auch wenn Teddy nicht mehr so flauschig ist,
vor Schmutz trieft
und ziemlich ramponiert aussieht –
so bleibt er doch
ein liebendes Kuscheltier.