Das Dornenbärchen ist ein modernes
Märchen. Ein verlorener Teddybär. Ein
geheimnisvolles Ei. Ein hungriger Marder.
Als Teddy auf einer Müllhalde landet,
beginnt für ihn eine unerwartete Reise
zurück ins Kinderzimmer. Unterwegs entdeckt
er ein Ei – und beschützt es
mutig vor allen Widrigkeiten.
Doch was schlüpft daraus?
Ein Märchen über Mut, Liebe und Aufopferung.
Für größere Kinder und Erwachsene
Lesedauer ca. 40 Minuten.
Kapitel: [1] | [2] | [3] | [4] | [5]
Das Dornebärchen Kapitel I
„Ist es schlimm?“
Tom hört ihn nicht.
„Das sieht nicht gut aus.“
Die Schere vom Tablett nehmend,
durchtrennt der Junge mit einem Schnipp
die Luft.
„Das ist nicht nötig“, sagt Teddy.
„Die Bauchschmerzen sind nicht schlimm.“
Tatsächlich spürt er keinen Schmerz.
Er ist ein Spielzeug.
Ein Teddybär.
Tom hat Mutters Kittel übergezogen
und trägt einen Mundschutz.
So macht man das im Operationssaal
– zumindest im Fernsehen.
Er ist der Arzt.
Und Teddy sein Patient.
„Ich öffne jetzt den Bauch“,
sagt der Junge und sucht nach einer
geeigneten Stelle unter dem samtenen Fell.
Ein Fell, so kuschelig und weich
wie am ersten Tag.
„Pass auf meine Füllung auf“,
antwortet der Bär und hält den Atem an.
Nach und nach schneidet die Schere durch den
Stoff und legt fluffig weiße Baumwolle frei.
Kinderhände greifen in das Spielzeug
und tasten behutsam im Inneren,
bis Tom schließlich einen Kieselstein hochhält.
„Da ist der Übeltäter.
Jetzt bist du wieder wie früher.“
„Danke“, antwortet der Bär.
„Schwester. Nadel und Faden.“
Die Utensilien vom Tablett nehmend sagt er:
„Die Wunde muss sauber vernäht werden,
denn das machen beste Freunde füreinander.“
„Tom,“ ruft es aus der Küche.
„Essen!“
„Gleich,“ antwortet er und fädelt
die Schnur ins Öhr.
„Jetzt,“ poltert es von unten.
Widerwillig legt der Junge die Sachen
beiseite und zieht den Kittel aus.
„Schon gut,“ entgegnet der Bär.
„Ich bin ein treues Spielzeug und werde
hier warten.“
Als Tom das Zimmer verlässt,
kehrt die Kraft zurück in den Körper des Patienten.
„Wirst du wieder gesund?
Ich mach mir solche Sorgen.“
Die Porzellanpuppe im gelben Kleid
lehnt sich an ihren Hirtenstab.
„Kamerad verwundet.
Sanitäter desertiert,“
dröhnt der Spielzeugsoldat aus der Ecke.
„Keine Angst.
Tom macht mich wieder ganz.“
Pelzige Tatzen fühlen den Schnitt,
der vom Nabel bis zum Hals reicht.
Saubere Arbeit bisher.
Bald wird Tom sich wieder an ihn schmiegen,
damit Teddy Kraft und Beistand gegen
Albträume und Sorgen geben kann.
So, wie es beste Freunde füreinander tun.
Die Küchentür rumpelt.
Die Arme des Bären fallen herab.
Vater steht im Türrahmen
und betrachtet die Unordnung.
Den zerknüllten Kittel aufhebend,
fällt sein Blick auf das zerschnittene Spielzeug.
Er seufzt.
„Unmöglich, wie der Junge mit seinen
Sachen umgeht.“
Vater hebt Teddy auf und drückt den Riss
grob zusammen, dass der Stoff ächzt.
„Kaputt.“
„Nein“, antwortet der Bär.
„Tom macht mich wieder heile.“
„Was passiert da?“
Die schrille Stimme der Puppe im gelben Kleid
hallt ungehört durchs Kinderzimmer.
Da brüllt der Spielzeugsoldat:
„Hauptquartier,
der Feind attackiert unsere Verwundeten!“
Aber Vater hört ihn nicht.
Hört keinen der flehenden Rufe.
Grobe Hände packen den Teddybären.
Er möchte betteln.
Möchte mit Armen und Beinen treten.
Aber er kann nicht.
Er muss ertragen,
wie sein Innenfutter auf den Boden fällt.
Das Futter, das ihn so kuschlig macht.
Sein ganzer Stolz.
Im Freien öffnet Vater die Mülltonne
und schmeißt den Bären weg.
Alle Kraft aufbringend,
gleitet Teddy durch Vaters Finger.
Und fällt.
Der Deckel schließt sich.
Finsternis verhüllt das ihn umgebende Elend.
„Gleich wird Tom kommen und mich retten“,
denkt er.
„Schließlich sind wir beste Freunde
und ich bin sein liebstes Spielzeug.“
Aber die Dunkelheit bleibt sein
alleiniger Begleiter.
Sie spendet Trost,
indem sie nicht offenbart,
in welchem Grauen er steckt.
„Wenn nicht Tom kommt“,
denkt der Bär,
„dann zumindest der Spielzeugsoldat.
Er wird die Rettungsaktion starten.
Und die Puppe im gelben Kleid wird
mich wieder in ihre Arme schließen.“
Stunden verrinnen.
Oder sind es Tage?
Niemand kommt ihm zur Hilfe.
Kein Mensch.
Und kein Spielzeug.
Plötzlich beginnen Müll und Tonne zu vibrieren.
Eine Bananenschale,
fauliges Obst – sie begraben das Stofftier.
Als Teddy sich wieder an die Oberfläche
kämpft, verschüttet ihn eine Lawine aus
Kartoffelschalen.
Oben und unten kehren sich um.
Der Müll rutscht aus der kopfstehenden Tonne.
Mitgerissen von Eierschalen und angekautem
Brokkoli fällt Teddy in den gefräßigen Bauch
des Müllwagens,
der hungrig alles in sich aufnimmt.
Unter Schichten von Abfall begraben,
kann der Bär nichts tun,
außer warten.
Ausharren.
Bis die Tortur ein Ende findet.