Das Dornenbärchen sitzt mit einem goldenem Ei auf einer Blumenwiese in einer märchenhaften Waldszene

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Seit Tagen herrscht Stille zwischen ihnen.
Da knurrt Teddys Bauch.
Natürlich nicht seiner.
Er ist ein Spielzeug.

Von einem Fuß auf den anderen tretend
stehen die Beine über einem saftigen Regenwurm,
der sein Köpfchen aus der Erde streckt.
Der Ringelwurm
windet sich aus dem regennassen Boden.

Aus dem Spalt auf Teddys Bauch
schnappt der Schnabel nach Fressen.
Schnuppert.
Schnarrt.
Wartet darauf, gefüttert zu werden.

Doch Teddy lässt das Kleine warten.
Stattdessen betrachtet er
den nutzlos von Fäden gehaltenen Arm.
Die Risse,
die sich über sein Fell ziehen.

Er ist wütend.
Stocksauer,
dass er nicht bei seinem Tom ist.
Dann wäre alles gut.
Er müsste nicht hier stehen
und Regenwürmer anstarren,
sondern im Spielzimmer sein.

Er könnte …

Erneut knurrt ein Magen.
Nein.
Nicht seiner.
Auch nicht der des Kükens.
Sondern seiner.

Der Marder.
Er steht vor ihnen.
Macht sich nicht einmal die Mühe zu schleichen.

Nicht mehr als Haut und Knochen.
Ungepflegtes Fell,
büschelweise ausgefallen.
Es spannt über dürre Pfoten.
Von dem einst kräftigen Tier
ist kaum mehr als ein Schatten geblieben.

Seine Atmung – flach.
Rasselnd.
Der borstige Schweif zuckt kraftlos.

„Du willst mein Küken“, fragt Teddy.
Die Worte liegen schwer in seiner Kehle.
„Nimm es dir.
Ich kann mich nicht wehren.
Ich mag es gar nicht mehr.“

Die wenigen Nackenhaare des Marders
stellen sich auf.
Abgebrochene Krallen fahren aus.
Die Zunge leckt über stumpfe,
ausgefallene Reißzähne.

Dann setzt er an.
Trotz seines mickrigen Gewichts
wirft er Teddy auf den Rücken.
Die Beine des Kükens
strampeln hilflos in der Luft.
Der Schwanz ist eingeklemmt.

„Mach schnell!“,
schreit Teddy, während der Marder
auf dem dornigen Maschendraht kaut.

Ihn zerbeißt.
Um an das vermeintliche Ei zu gelangen.
Das Ei,
das längst geschlüpft ist.
Das weder Vogel noch Ente ist.
Nicht Gans.
Und auch kein Biber.

„Mach es mir doch nicht so schwer!“,
brüllt der Bär.
In Erinnerung an das Ei,
das er gefunden und beschützt hat.
Immer.

Schnatternd ruft sein Kleines nach Hilfe.
Der schützende Draht
ist beinahe durchtrennt.
Wären sie in Toms Haus,
wäre all das nicht passiert.

Hätte Teddy Augen,
so würde er weinen.
Er würde sich die Augen ausheulen.
Weil er nicht kämpft.
Nicht für sein Kleines.

Ritsch.

Der nutzlose Arm des Bären
fällt zu Boden.
In den Dreck.
Zu den Regenwürmern.

Aber er hat es selbst getan.
Ihn eigenhändig abgerissen.
Sich von ihm getrennt.
Und stopft ihn
in das gierige Maul des Marders.

Der hustet.
Würgt.
Erstickt beinahe
an dem einst so wunderbar flauschigen Fell.

Teddy der Bär
hat weder Klauen noch Zähne.
Doch seine verbliebene Pranke
schleudert den Marder fort.
Gegen einen Baum.

„Ich werde sehen, was da in mir ist!“

Die Augen des Marders
huschen verunsichert umher,
als er endlich den Arm hervorwürgt.
Teddy streckt ihm den Verbliebenen entgegen.
Er ist bereit.

Der Marder springt.
Da saust ihm ein Fuß entgegen.
Jaulen.
Heulen.
Fauchend humpelt das Tier fort.

Atmet schwer.
Flach.
Sackt zusammen.
Bleibt liegen.
Regungslos.

Befriedet.
Stille.

„Was bist du nur, mein Kleines?“,
fragt der Bär und blickt auf die Füße.
An der Ferse steckt ein Sporn.
Ein Stachel, von dem etwas tropft.

Nicht das Blut des Marders.
Ein zähes Sekret.
Gift.
Stark genug,
den geschwächten Jäger zu erledigen.

Mit einem leisen Lächeln
zupft Teddy einen Regenwurm vom Boden
und hält ihn dem Schnabel hin.

„Ich habe keine Ahnung,
was du bist.
Aber ich bin jetzt deine Familie.
Und ich liebe dich.“