Das Dornenbärchen: Kapitel IV, Teil 2
Schweigend, ohne ein Wort zu tauschen, trägt es sie durch den Wald. Seit Tagen herrscht Stille zwischen ihnen, da knurrt Teddy hungrig der Bauch.
Natürlich nicht ihm.
Denn er ist ja ein Spielzeug.
Von einem Fuß auf den anderen tretend, warten die Beine über einem saftigen Regenwurm, der sein Köpfchen aus der Erde traut. Der Ringelwurm, der sich aus dem regennassen Boden windet und wühlt. Aus dem Spalt auf Teddys Bauch schnappt der Schnabel nach seinem Fressen.
Schnuppert und schnarrt.
Wartet darauf, gefüttert zu werden.
Aber Teddy lässt das Kleine warten, untersucht stattdessen den nutzlos von Fäden gehaltenen Arm und die Risse, die sich über sein Fell auftun.
Er ist wütend. Stocksauer, dass er nicht bei seinem Tom ist. Dann wäre alles gut. Er müsste nicht hier stehen und Regenwürmer angucken, sondern im Spielzimmer sein.
Er könnte …
Erneut knurrt ihm der Magen.
Nein, nicht ihm.
Auch nicht dem Küken.
Sondern ihm!
Dem Marder, der sich nicht einmal die Mühe macht zu schleichen.
Der vor ihnen steht, nicht mehr als Haut und Knochen. Ungepflegtes Fell, das büschelweise ausgefallen ist und sich über die dürren Pfoten spannt. Die Silhouette des einst so kräftigen Tieres ist kaum mehr als ein Schatten. Seine Atmung flach und rasselnd. Der borstige Schweif zuckend und peitschend, ausgefranst und kraftlos.
„Du willst mein Küken?“, fragt Teddy und die Worte liegen ihm schwer in der Kehle. „Nimm es dir! Ich kann mich nicht wehren. Ich mag es gar nicht mehr!“
Die wenigen Nackenhaare stellen sich dem Marder auf, als er die abgebrochenen Krallen ausfährt. Die Zunge leckt über stumpfe und ausgefallene Reißzähne; dann setzt er an. Trotz des mickrigen Gewichts und der wenigen Kraft wirft er Teddy auf den Rücken.
Die Beine des Kükens strampeln hilflos in der Luft, der Schwanz ist eingeklemmt.
„Mach schnell!“, schreit Teddy, während der Marder auf dem dornigen Maschendraht kaut. Ihn zerbeißt, um an das leckere Ei zu kommen.
Das Ei, das seit Langem geschlüpft ist, das weder Vogel noch Ente ist. Nicht Gans und auch nicht Biber sein kann.
„Mach es mir doch nicht so schwer!“, brüllt der Bär in Erinnerung an das Ei, das er gefunden und beschützt hat.
Immer!
Schnatternd ruft sein Kleines nach Hilfe, der schützende Draht beinahe durchtrennt.
Wären sie in Toms Haus, wäre all das nicht passiert. Hätte Teddy Augen, so würde er weinen, aber er ist ein Spielzeug.
Er würde sich die Augen ausheulen, weil er nicht für sein Kleines kämpft.
Ritsch.
Der nutzlose Arm des Bären fällt auf den Boden. In den Dreck zu den Regenwürmern.
Aber er hat es selbst getan.
Ihn eigenhändig abgerissen.
Sich von ihm getrennt und stopft ihn in das gierige Maul. Der Marder, der jetzt hustet und würgt, erstickt beinahe an dem einst so wunderbar flauschigen Fell. Teddy der Bär hat weder Klauen noch Zähne, doch die Tatze schleudert den Marder fort, gegen einen Baum.
„Ich werde sehen, was da in mir ist!“
Die Augen des Marders huschen verunsichert umher, als er endlich den Arm hervorwürgt. Teddy streckt ihm den verbliebenen entgegen, er ist bereit. Der Marder setzt an. Springt. Da saust ihm ein Fuß entgegen.
Jaulen.
Heulen.
Fauchend humpelt das Tier fort. Atmet schwer und flach. Sackt zusammen und bleibt liegen.
Regungslos, denn er ist tot.
Befriedet.
„Was bist du nur, mein Kleines?“, fragt der Bär und schaut auf die Füße. An der Ferse steckt ein Sporn. Ein Stachel, von dem etwas tropft. Nicht das Blut des Marders, sondern ein zähes Sekret.
Gift.
Stark genug, dass es den geschwächten Marder tötete. Mit einem Lächeln zupft Teddy einen Regenwurm vom Boden und hält ihn dem Schnabel hin.
„Ich habe keine Ahnung, was du bist. Aber ich bin jetzt deine Familie und ich liebe dich!“