Das Dornenbärchen sitzt mit einem goldenem Ei auf einer Blumenwiese in einer märchenhaften Waldszene





Das Dornenbärchen: Kapitel I, Teil 2



Traurig schaut Teddy den Müllberg hinunter. Ein Gebirge aus Abfall türmt sich um ihn auf, durchzogen von Schluchten zerstörter Geräte und verrottender Lebensmittel. Hätte er eine Nase statt eines Knopfes, wäre der Gestank sicher unerträglich.

Der Riss auf seinem Bauch ist weiter aufgerissen und eine große Menge Innenfutter ist fort. Teil des Gerümpels, das ihn umgibt.

Er fühlt sich dünn.

Nicht mehr so pummelig und prall, eher abgemagert und ausgemergelt.

Das einst so flauschige Fell ist verklebt und verfilzt, über und über mit ekligem Schleim bedeckt.

Vom Grund des Berges hört Teddy die schiefen Töne einer Mundharmonika. Jemand versucht, ein Lied zu spielen. Nicht besonders gut, aber dieser Jemand wird ihm sagen, was er in dieser Situation tun soll!

Über eine demolierte Mikrowelle krabbelnd, rutscht er einen moosbewachsenen Kühlschrank hinunter, stets den Makel auf seinem Bauch haltend. Es soll nicht noch mehr von seinem geliebten Futter verloren gehen.

Die schrägen Klänge werden lauter, bis er vor einem Erdloch steht.

Erhellt von einer Kerze sitzt dort eine Ratte. Sie trägt einen Zylinder mit zwei Öffnungen für die Ohren, ein ausgefranstes Sakko und Handschuhe mit abgeschnittenen Fingerspitzen.

„Nanu“, sagt die Ratte und hört auf zu spielen; eine Wohltat für die Ohren. „Wer bist denn du? Wer traut sich auf meinen Müllberg?“

„Ich bin Teddy, der Bär. Liebstes Kuscheltier von Tom und sein bester Freund. Und wer bist du?“

„Ich bin Ron. Die Ratte von der Müllhalde.“ Er zeigt den rosa Schwanz vor, der sich kringelt und windet wie ein Regenwurm. „Aber was macht Toms liebstes Kuscheltier hier bei mir? Hierher kommen nur kaputte und ungeliebte Gegenstände.“

Teddy nimmt die Tatze von seinem Bauch und die Ratte verfällt in quietschendes Gelächter.

„Es war ein Versehen“, sagt der Bär. „Mein Tom hat einen Kieselstein entfernt und bevor er mich wieder zunähen konnte, hat Vater … er hat …“

„Dich weggeschmissen“, platzt es aus Ron und die Ratte kugelt sich auf dem Boden. „Bald wirst du ersetzt sein, sicher hat der Mensch schon ein neues Stofftier. Ein jeder ist austauschbar und somit auch du!“

Die Schultern hängen lassend, fragt der Bär: „Warum bist du so gemein? Ich könnte jetzt wirklich eine Umarmung und aufmunternde Worte gebrauchen.“

„Umarmen? Dich?“ Rons Nase zuckt, dann hält er sie angewidert zu. „Du stinkst. Stinkst mehr, als es selbst eine Ratte von der Müllhalde ertragen könnte.“

Die schrägen und blechernen Töne der Mundharmonika begleiten Teddy auf dem Weg hinaus.

Riecht er wirklich so schlimm? Er ist nur ein Spielzeug, kann es also nicht beurteilen. Aber er wird es der Ratte zeigen, ihr beweisen, dass Tom zu Hause auf ihn wartet.

Doch vorher muss er ein Bad nehmen und sein verklebtes Fell reinigen.

Die Müllkippe hinter sich lassend, geht der Bär in ein nahes Wäldchen, bis er einen Bach erreicht. Frisches Flusswasser fließt in sanften Strömen hinab; hier kann er sich waschen. Vögel singen über ihm ein Lied und Teddys Fell saugt sich satt von dem kühlen Nass. Schmutz und Dreck lösen sich und treiben in schwarzen Wolken abwärts.

Mehr und mehr erahnt man das Kuscheltier von einst und in der Sonne liegend, trocknet der flauschige Pelz. Angenehm stechen ihm die Strahlen in den Knopfaugen, das Pfeifen der Vögel im Hintergrund.

Ein Knacken unterbricht das Lied und Stille kehrt ein.

Wieder ein Knacken.

Teddy, neugierig wie er ist, geht dem Geräusch auf den Grund.

In einer Sandbank sitzt ein Marder, der etwas mit dem Maul zerkaut und dann genüsslich ausschlürft.

„Hallo“, sagt Teddy verlegen. „Was machst du da?“

Doch der Marder antwortet nicht. Spitze Zähne beißen in eine weiße Beere und gelber Saft fließt hinaus.

„Ich werde dich nicht weiter stören.“

Diese Tiere sind gefährliche Räuber. Groß wie eine Katze und lang wie ein Dackel, legen sich diese Biester mit allem an, was sie fressen könnten.

Ein erneutes Knacken, dann erkennt Teddy die seltsamen weißen Beeren. Dotter und Eiweiß fließen aus der zerbrochenen Schale.

Dieser Marder plündert ein Vogelnest!

Was werden die Eltern sagen, wenn ihr Nistplatz leer ist? Einen Stock nehmend, greift Teddy der Bär an. Mit einem Schlag auf den Kopf schreckt er das Biest überrascht zurück. Er setzt nach und, den Ast schwingend, flieht der Marder.

Zwischen Dotter und Schalenresten ist ein Ei geblieben.

Ein Ei, das allein im Nest verweilt.