Das Dornenbärchen sitzt mit einem goldenem Ei auf einer Blumenwiese in einer märchenhaften Waldszene

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Traurig schaut Teddy den Müllberg hinunter.
Ein Gebirge aus Abfall türmt sich um ihn auf,
durchzogen von Schluchten zerstörter Geräte
und verrottender Lebensmittel.

Hätte er eine Nase statt eines Knopfes,
wäre der Gestank sicher unerträglich.
Der Riss auf seinem Bauch ist
weiter aufgerissen.
Eine große Menge Innenfutter fehlt.
Teil des Gerümpels, das ihn umgibt.

Er fühlt sich dünn.
Nicht mehr so pummelig und prall,
eher abgemagert und ausgemergelt.
Das einst so flauschige Fell ist verklebt
und verfilzt,
über und über mit ekligem Schleim bedeckt.

Vom Grund des Berges hört Teddy
die schiefen Töne einer Mundharmonika.
Jemand versucht, ein Lied zu spielen.
Nicht besonders gut.
Aber dieser Jemand wird ihm sagen,
was er in dieser Situation tun soll.

Über eine demolierte Mikrowelle krabbelnd,
rutscht er einen moosbewachsenen
Kühlschrank hinunter,
stets den Makel auf seinem Bauch festhaltend.
Es soll nicht noch mehr von
seinem geliebten Futter verloren gehen.

Die schrägen Klänge werden lauter.
Bis er vor einem Erdloch steht.
Von einer Kerze erhellt sitzt dort eine Ratte.
Sie trägt einen Zylinder mit zwei Öffnungen für
die Ohren, ein ausgefranstes Sakko
und Handschuhe mit abgeschnittenen
Fingerspitzen.

„Nanu“,
sagt die Ratte und hört auf
zu spielen – eine Wohltat für die Ohren.
„Wer bist denn du?
Wer traut sich auf meinen Müllberg?“

„Ich bin Teddy, der Bär.
Liebstes Kuscheltier von Tom
und sein bester Freund.
Und wer bist du?“

„Ich bin Ron. Die Ratte von der Müllhalde.“
Er zeigt seinen rosa Schwanz,
der sich kringelt und windet wie
ein Regenwurm.
„Aber was macht Toms liebstes
Kuscheltier hier bei mir?
Hierher kommen nur kaputte und
ungeliebte Gegenstände.“

Teddy nimmt die Tatze von seinem Bauch.
Die Ratte verfällt in quietschendes Gelächter.
„Es war ein Versehen“, sagt der Bär.
„Mein Tom hat einen Kieselstein entfernt,
und bevor er mich wieder zunähen konnte,
hat Vater …
er hat …“

„Dich weggeschmissen!“,
platzt es aus Ron.
Die Ratte kugelt sich auf dem Boden.
„Bald wirst du ersetzt sein.
Sicher hat der Mensch schon ein
neues Stofftier.
Ein jeder ist austauschbar – und somit auch du!“

Die Schultern hängen lassend,
fragt der Bär:
„Warum bist du so gemein?
Ich könnte jetzt wirklich eine Umarmung
und aufmunternde Worte gebrauchen.“

„Umarmen? Dich?“
Rons Nase zuckt.
Dann hält er sie angewidert zu.
„Du stinkst. Stinkst mehr,
als es selbst eine Ratte von der
Müllhalde ertragen könnte.“

Die schrägen,
blechernen Töne der Mundharmonika
begleiten Teddy auf dem Weg hinaus.
Riecht er wirklich so schlimm?
Er ist nur ein Spielzeug.
Er kann es nicht beurteilen.
Aber er wird es der Ratte zeigen.
Ihr beweisen,
dass Tom zu Hause auf ihn wartet.

Doch vorher muss er ein Bad nehmen.
Und sein verklebtes Fell reinigen.
Die Müllkippe hinter sich lassend,
geht der Bär in ein nahes Wäldchen,
bis er einen Bach erreicht.

Frisches Flusswasser fließt in sanften
Strömen hinab.
Hier kann er sich waschen.
Vögel singen über ihm ihr Lied,
und Teddys Fell saugt sich satt mit dem
kühlen Nass.

Schmutz und Dreck lösen sich
und treiben in schwarzen Wolken davon.
Mehr und mehr erahnt man
das Kuscheltier von einst.

In der Sonne liegend trocknet der
flauschige Pelz.
Angenehm stechen ihm die Strahlen in
die Knopfaugen,
während im Hintergrund das Pfeifen der
Vögel klingt.

Ein Knacken unterbricht das Lied.
Stille kehrt ein.
Wieder ein Knacken.
Neugierig wie er ist,
geht Teddy dem Geräusch nach.

Auf einer Sandbank sitzt ein Marder,
der etwas im Maul zerkaut
und dann genüsslich ausschlürft.

„Hallo“, sagt Teddy verlegen.
„Was machst du da?“

Doch der Marder antwortet nicht.
Spitze Zähne beißen in eine weiße Beere,
gelber Saft fließt heraus.

„Ich werde dich nicht weiter stören.“

Diese Tiere sind gefährliche Räuber.
Groß wie eine Katze und lang wie ein Dackel
legen sich diese Biester mit allem an,
was sie fressen können.
Ein erneutes Knacken.

Dann erkennt Teddy die seltsamen
weißen Beeren.
Dotter und Eigelb fließen aus
zerbrochenen Schalen.
Dieser Marder plündert ein Vogelnest!
Was werden die Eltern sagen,
wenn ihr Nistplatz leer ist?

Einen Stock nehmend,
greift Teddy der Bär an.
Ein Schlag auf den Kopf –
das Biest schreckt überrascht zurück.
Er setzt nach.

Den Ast schwingend,
flieht der Marder.
Zwischen Dotter und Schalenresten
ist ein Ei geblieben.

Ein Ei, das allein im Nest verweilt.