Götter und Herolde Orion – epische Fantasy Charaktere mit Kriegern, Gottheiten und düsterer Atmosphäre



V Orion: Exodus

Schmerz.
Jede Zelle seines Körpers randaliert. Sehnt sich nach Ruhe. Aber es ist der Beweis, dass Orion noch leben muss.
Grober Sand klebt an blutverkrusteten Händen. Stöhnend dreht er sich auf den Rücken und erblickt den Himmel; kristallblau und bewölkt. Die Sonne steht tief und spendet nur noch spärliches Licht. Wie lange war er wohl ohnmächtig? Stunden? Vielleicht Tage?
Wasser und Blut spuckend, wird Orion bewusst, was passiert ist: Äol hat Paragon überfallen und Unmögliches von ihnen verlangt. Verblasstes Rot zeugt von seinen Taten, selbst der Sand kann sie nicht verbergen.
Theophilus war das erste Opfer. Constantine hat sich gewehrt, wurde jedoch gebrochen. Dann Silvana und so viele weitere. Orion schüttelt den Kopf, als Bilder von Philo, Scylla und Bella vor ihm auftauchen.
Zitternd aufstehend, unsicher, ob vor Kälte oder Kraftlosigkeit, setzt Orion einen Fuß vor den anderen und klettert aus der Sandbank. Der Sturz in den Brunnenschacht hat ihm das Leben gerettet. Gesegnet seien seine Erbauer und die Götter, die ihn in den Fluten beschützten.

Rauchsäulen steigen in der Ferne auf, dort, wo Paragon liegt. Kein Anzeichen von Äols Luftschiff oder seinen Schrottbarken. Ist das ein gutes oder schlechtes Zeichen? Vielleicht sind Helen und Illias dort und konnten ebenfalls fliehen. Verstecken sich mit anderen Überlebenden und warten auf Hilfe.
Hoffentlich geht es Großvater gut. Andererseits wird der zähe Alte sie wahrscheinlich alle überleben. Er ist in Sicherheit und kann es nicht abwarten, ihn mit der Krücke zu begrüßen.
Orion folgt dem Fluss zu seiner Linken und endlich bauen sich die Palisaden von Paragon vor ihm auf. Mehr hölzerne Grabsteine als Schutz vor Angreifern. Bewahrer der letzten Ruhestätte so vieler Freunde.
Vorsichtig pirscht sich Orion heran, lünkert an dem zerstörten Holztor vorbei. Keine Bewegung, keine Regung, nur das Knacken brennenden Holzes.

Paragon ist ausgestorben.

Die Hauptstraße, zuvor voll Leben, erfüllt vom Hämmern des Schmieds und den Schreien des Gerbers, ist jetzt menschenleer. Stille aus der Taverne, kein Gelächter oder Lied, das die Stimmung aufhellt. Nur der Wind, der durch die Gassen pfeift und ein Trauerlied anstimmt.
Der Rauch brennender Hütten schmerzt bei jedem Atemzug und taucht das Geschehen in einen undurchsichtigen Schleier.
Orion betritt den Versammlungsplatz und ihm stockt der Atem. Leichen seiner Freunde und Bekannten liegen achtlos auf dem Boden. Hingerichtete türmen sich auf, stapeln sich in die Höhe. Es müssen Dutzende, nein, Hunderte sein.
Mit erstickter Stimme ruft Orion nach Überlebenden und lässt alle Vorsicht fallen.
„Hallo!“, schreit er, kriegt aber keine Antwort.
Lauter werdend ruft Orion erneut. Irgendjemand muss dem Massaker entkommen sein.
Niemand?
Auf die Knie fallend, vergräbt er das Gesicht in den Händen und lässt den Tränen freien Lauf. Es tut so gut.

Dann ein Hauch, der ihn aufhorchen lässt.
Unter einem Berg aus Leichen kommt schwaches Klagen. Eine brüchige Stimme, die um Hilfe fleht. Tote Gesichter blicken ihm entgegen.
„Hilfe“, stöhnt es erneut von weiter unten.
Rasch zieht Orion Körper zur Seite, wühlt sich durch steife Arme und Beine. Schiebt Freunde und Fremde weg, bis ihm zwischen all den starren Körperteilen zwei weiße Punkte auffallen.
Grüne Augen, panisch aufgerissen, blicken ihn an und schließen sich verängstigt. Da liegt eine junge Frau mit blutig roten Haaren, das Gesicht durch Ruß und Schmutz verdreckt.
Erneut flüstert sie um Hilfe und Orion redet behutsam auf sie ein:
„Ich bin da“, versichert er ihr. „Mein Name ist Orion. Wer bist du? Ich hab dich noch nie hier gesehen.“
Blut quillt aus einer Wunde an der Stirn, die ihr allem Anschein nach schwere Schmerzen bereitet.
„Hör mir zu, im Eichental sind wir sicher und Großvater wird mir helfen. Er weiß, was mit dir zu tun ist.“
Vorsichtig hebt er die Frau hoch, die bei jeder Bewegung aufschreit und den dünnen Körper verkrampft. Nervös entschuldigt sich Orion über die grobe Behandlung, bis er sie auf einen nahen Karren legt.
„Tut mir leid, ich bin nicht besonders gut in so was.“
Er blickt sich um. Hier ist kein angemessener Ort, um die Wunde zu behandeln. Zumindest nicht, nachdem Silvanas Hütte in Flammen steht. Die Wunde muss gesäubert und verbunden werden und nur im Tal hat er alles dafür.
Normalerweise würden sich die Heilerin oder Helen um solche Sachen kümmern. Die Wunde mit einer Salbe bestreichen und verbinden. Silvana erzählte mal von Wundbrand. Kleinsten Lebewesen, die den Körper von innen auffressen, wenn man nicht sauber arbeitet.
Aber sie sind tot oder fort.
Orion zieht einen Karren und die Frau antwortet bei jeder Unebenheit mit qualvollen Schreien.
Der lange Rückweg hat begonnen.

Tief in der Nacht nimmt Orion die Abbiegung, die zu seinem Hof führt. Alleine schleicht er sich an die Häuser, in denen Licht brennt, gut getarnt in der Dunkelheit.
Ein halbes Dutzend Männer bringt Lebensmittel und Vieh in eine von Äols Schrottbarken. Geschirr und Möbel gehen zu Bruch auf der Suche nach Wertsachen und anderen Kostbarkeiten.
Großvater sitzt fluchend auf dem Boden, nicht in der Lage, mit dem kranken Bein aufzustehen. „Ihr Arschlöcher, das sind unsere Lebensmittel. Wie sollen wir jetzt den zurückgebliebenen Fettsack durch den Winter füttern? Wär ich nur ein Jahr jünger, würdet ihr was erleben!“
Seine Ausflüchte sind Balsam für Orions Seele. Er wird ihm sagen, was zu tun ist und wie alles wieder gut wird.
Als alle Vorräte verladen sind, zeigt der Anführer auf Großvater. Einer der Soldaten zuckt mit den Achseln und zieht sein Schwert. Ein anderer wirft Großvater seine Klinge hin.
Sie sollen kämpfen.
Unfähig aufzustehen schwingt der alte Mann unbeholfen nach dem Soldaten. Der tänzelt um seinen Gegner, pariert einen Schlag und stößt sein Schwert in Großvaters Rücken.
Wütend beißt sich Orion in die Hand und zwingt sich, leise zu sein.
Kreischend steigt die Schrottbarke in die Lüfte und Orion rennt los.
Erleichtert atmet Großvater auf, als er sein Gesicht erkennt. „Bei Zeus, es geht dir gut … Es waren zu viele … sie haben … alles mitgenommen … Ich konnte nichts tun.“
„Sei still, es ist nicht deine Schuld. Hauptsache, du wirst gesund!“
Blut strömt aus der Brust des alten Mannes. Es sieht nicht gut aus.
„Wo sind die anderen? Wo sind die Kleinen?“
„Ihnen geht es gut“, lügt Orion. „Ich bin vorgelaufen, sie kommen gleich nach. Bitte werde gesund.“
„Als Rauch aus Paragon aufgestiegen ist und dieses Ding landete, hab ich mir Sorgen um euch gemacht … Zum Glück ist keinem was passiert …“ Tränen füllen seine alten, grauen Augen. Die Falten in seinem Gesicht unendlich tief. „Ihr seid die Letzten, die mir geblieben sind und … ich danke den Göttern für … jeden Moment mit …“
Kraftlos sackt sein Kopf zur Seite.
Sanft schüttelt Orion ihn an der Schulter und flüstert: „Großvater? Wach doch auf! Bitte tu mir das nicht an. Du bist doch alles, was mir geblieben ist!“

Alles ist fort.

Seine Familie und sein Besitz.
Vorsichtig trägt er den hageren Körper zum Stall. Die ungewohnte Stille an diesem Ort drückt schwer auf Orions Schultern. Der Stall, der sonst voller Leben steckte, ist jetzt nicht mehr als eine Gruft.
Fast sieht es so aus, als würde Großvater friedlich im Stroh schlafen. Als würde er jeden Moment aufwachen, um zu streiten.
Der Ziegenbock mit der roten Blüte auf seiner Brust.
„Gleich komme ich wieder.“
Dann verabschiedet sich Orion und geht zu dem versteckten Karren, auf dem die junge Frau vor Schmerzen weint.
Unruhig wälzt sie sich auf der Ladefläche und krallt die Finger ins Holz. Das Gesicht durch Wellen von Leid verkniffen.
„Hier ist es sicher, dir wird nichts mehr passieren.“ Beinahe glaubt er selbst die aufmunternden Worte.
Vor der Stufe zum Haupthaus muss Orion schlucken. Die Tür liegt zerschmettert auf dem Boden. Stühle und Tische sind zerstört und sein bequemer Sessel liegt umgekippt in der Asche des Kamins. Das einst behaglich eingerichtete Wohnzimmer ist nur noch zu erahnen.
Erneut schluckt er. „Ich trag dich rein. Es wird wehtun, aber ich beeil mich.“
Mit aller Vorsicht greift er unter die Frau, hebt sie behutsam an, als würde er einen Korb Eier transportieren. Wild schlägt die Frau um sich, schreit den Schmerz in die Nacht. Ein verirrter Arm trifft Orion im Gesicht, aber er zwingt sich weiterzugehen.
Die Diele zieht sich. Jeder Schrei hallt an den Wänden, dringt in ihn ein und quält mehr als die tiefste Wunde.
Sanft, wie Illias einst, legt er sie in sein Bett. Stroh saugt sich voll Blut, das Bettlaken ist in Sekunden ruiniert.
Aus der Küche holt Orion Wasser und Schwamm und reinigt das schmutzige Gesicht.
„Wie heißt du?“, fragt er sie erneut. Mehr, um sie abzulenken und sich selbst die Anspannung zu nehmen.
„Weiß … nicht …“, antwortet die junge Frau und verzieht bei jedem Tupfer das Gesicht.
„Du wirst doch deinen Namen kennen. Wie soll ich dich denn ansprechen?“
Unter Blut und Ruß kommen Sommersprossen und eine Stupsnase zum Vorschein.
„Hätten wir eine Tochter bekommen, hätten wir sie Alissa genannt. Bis du dich an deinen Namen erinnerst, könnte ich dich so nennen. Ist das in Ordnung für dich?“
Kaum merklich nickt sie mit dem Kopf und flüstert: „Ist … gut …“
Schmutz und geronnenes Blut weichen blasser weißer Haut, und nachdem Orion Gesicht, Arme und Beine gewaschen hat, widmet er sich der grausamen Wunde an der Stirn. Ein tiefes Loch, knapp unterhalb des Haaransatzes.
Kein Zweifel, eine Schusswunde aus Notos’ Gewehr.
„Ich muss die Wunde verbinden. Sei jetzt stark.“
Ihre zarten Hände graben sich in das Bettlaken und als Orion ihren Kopf anhebt, brüllt sie ohrenbetäubend auf und Tränen fallen aus grünen Augen herab.
Orion wickelt schnell frisches Leinentuch um den Kopf, und als er den Knoten festzieht, wird Alissa ohnmächtig.
Er betrachtet die ruhig atmende Frau. Sie ist jung, höchstens zwanzig Zyklen alt, und ihre Haare sind nicht mehr blut-, sondern feuerrot. Lang und lockig liegen sie in alle Richtungen auf dem Kopfkissen.

Müde wandelt Orion durch die Zimmer und macht sich einen Eindruck von der Lage. Die Vorratskammer wurde geplündert, alle Tiere sind fort und auch die wenigen Wertgegenstände sind gestohlen. Möbel und Einrichtung sind zerstört und ein Großteil der Werkzeuge fehlt.
Nur der Altar und die Urne seines Vorfahren im Schuppen sind unversehrt. Zumindest haben Äols Männer Respekt vor den Göttern.
Mit zitternden Händen richtet Orion den umgeworfenen Sessel auf, seinen Lieblingsplatz im Haus. Asche und Schmutz abklopfend, betet er zu den Göttern, dass die Eindringlinge den geheimen Schatz des Eichentals übersehen haben.
Ein Schlag gegen die Armlehne und das Geheimfach offenbart drei Flaschen Selbstgebrannten.
Ungeschickte Hände öffnen den Verschluss und schenken einen großzügigen Schluck in den letzten Tonkrug. Einen tiefen Zug des bitteren Gesöffs nehmend, beruhigen sich seine zitternden Hände.
Gestern noch wollte er auf die erfolgreiche Jagd trinken, aber heute erhebt Orion den Becher auf alle, die entführt wurden.
Brennendes Öl fließt seine Speiseröhre hinunter und wärmt ihn von innen heraus.
Den nächsten Krug vorbereitend, trinkt er auf das Mädchen, das die nächsten Tage wahrscheinlich nicht überleben wird.
Jetzt einen Schluck auf den baldigen Winter, den sie ohne Vorräte nicht überstehen werden.
Wütend schmeißt Orion den Krug in die Ecke.
Ungeduldig setzt er die Flasche an, nimmt einen Schluck für Philo, für Scylla und Bella. Nacheinander ehrt er die Verstorbenen.
Wenn Helen ihn so sehen würde, hätte sie ihm längst eine Standpauke gehalten.
Viel zu schnell leert sich der Schnaps, aber ein Schluck für seine Frau und seinen Sohn ist noch drin.
Dieser letzte Zug schmeckt am bittersten und erschöpft fallen Orions Augen zu.

Die Tage vergehen im Nu.
Tage, an denen Orion nach Paragon wandert, auf der Suche nach den wenigen verbliebenen Vorräten oder anderen Nützlichkeiten. Weggeworfenes Brot, schrumpeliges Gemüse, all das, was zurückgelassen wurde.
Bei seinem zweiten Besuch fing er an, Gräber auszuheben. Theophilus und Silvana konnte er nicht so liegen lassen, denn sie würden in der Unterwelt keinen Frieden finden.
Drei Gräber verweilten unbesetzt. Die Leichen von Philo, Scylla und Bella blieben unauffindbar. Für die restlichen Dorfbewohner blieb nur ein letztes reinigendes Feuer übrig. Es waren schlicht zu viele.
Auf den umliegenden Bauernhöfen hatten Äols Leute ebenfalls zugeschlagen: den Tribut eingefordert und Vorräte geraubt. Jetzt verfallen die Höfe dieser einst so angesehenen Familien, die außerhalb der schützenden Mauern von Paragon lebten und die Stadt gegen alle Widrigkeiten versorgten.
Alissas Zustand verschlechterte sich zunehmend. Die Wunde stank fürchterlich und Eiter trat aus. Zudem redete sie wirr und bekam starkes Fieber.
Um ihr Erleichterung zu verschaffen, durchsuchte Orion die Überreste von Silvanas Hütte nach Kräutern, die er kannte. Das falsche Mittel würde ihren Tod bedeuten und so nahm er etwas Thymian und Knoblauch mit, die einzigen Pflanzen, von denen er wusste, dass sie nicht schädlich sind.
Aufgebrüht mit dem restlichen Schnaps konnte der so entstandene Umschlag ihr Leiden zumindest etwas lindern.
Großvater hatte er am Rande der Farm beigesetzt, unter der Eiche, wo auch seine Frau und Tochter liegen.
Ungewohnte Stille zog sich über das Eichental. Normalerweise würden die Tiere und der alte Mann einen Heidenkrach machen und die Kinder lauthals Fangen spielen. Doch jetzt sind Alissas Schreie das Einzige, was die Ruhe stört.
Immer wieder ertappt Orion sich dabei, ein Lied zu pfeifen und darauf zu warten, dass Philo mit einstimmt. Einmal meinte er, Lärm aus der Küche zu hören. Aber als er freudig eintrat und dachte, die Frauen beim Backen zu erwischen, war dort niemand.
Orion verliert allmählich den Verstand.
Dinge hörend und sehend, die nicht da sind.

Eines Abends sitzt er in seinem Sessel, nimmt einen tiefen Schluck aus der sich leerenden Flasche und fasst einen Entschluss: Niemand wird im Eichental mehr sterben.
Weder er noch Alissa.
„Die wenigen Vorräte gehen zu Ende. Um ehrlich zu sein, sehe ich unsere einzige Möglichkeit zu überleben darin, in eines der anderen Dörfer zu reisen.“ Unruhig rutscht Orion auf der Bettkante hin und her. Auf eine Reaktion wartend, spricht er weiter, als keine kommt. „Platon ist nicht weit weg. Vier Tagesmärsche. Wenn ich dich mit dem Karren ziehe, vielleicht zwei mehr. Dort gibt es fähige Heiler, die dir helfen werden.“
Sanft streicht er ihr das lockige Haar aus dem verschwitzten Gesicht, das in den vergangenen Tagen noch blasser geworden ist. Das wenige Leben, das noch in ihr steckt, klammert sich krampfhaft an den schwachen Körper. „Ich werde dich nicht zurücklassen. Nicht den letzten Menschen, den ich habe, dem sicheren Tod überlassen.“
Plötzlich packt Alissa ihn am Handgelenk. Ihr Griff ist schwach, die Haut glüht wie Feuer und sie muss alle Kraft aufwenden, die Augen offen zu halten. „Lass … mich … zurück“, flüstert sie.
Vehement schüttelt Orion den Kopf. „So haben meine Eltern mich nicht erzogen und auch die Götter heißen so ein Verhalten nicht gut!“
„Scheiß … auf die Götter … lass mich … sterben“, flüstert Alissa jetzt lauter. Mit Tränen in den Augen verstärkt sie den Griff um Orions Handgelenk.
„Ob du willst oder nicht, ich nehm dich mit! Morgen früh fahren wir los, ruh dich besser aus.“
Er steht auf und löst sich behutsam aus ihrem müden Griff. Sie leistet keinen Widerstand mehr und dämmert bereits wieder weg.

Albträume plagen Orion in dieser Nacht.
Wilde Bestien lauern ihm auf, jagen ihn durch das Unterholz und bringen ihn zu Fall. Begierig schlagen sie ihre Kiefer in seinen Körper und schweißüberströmt wacht er lange vor Sonnenaufgang auf.
Früher hätte er solche Träume als schlechtes Omen gewertet und die Reise verschoben, aber ihm bleibt keine Zeit mehr.
Die letzten verbliebenen Vorräte auf den Karren ladend, bereitet er den Aufbruch vor. Schimmliges Brot und Nüsse, mehr ist nicht übrig geblieben. Um den Transport für Alissa so angenehm wie möglich zu gestalten, legt Orion die Ladefläche mit unzähligen Decken aus und findet beim Durchstöbern der Schränke den Mantel, den Helen ihm vor Ewigkeiten genäht hat.
Ein schönes Stück aus dunklem Hirschleder. Warm genug, um auch kalte Nächte zu überstehen. Die Ärmel sind etwas kurz geraten und ausgefranst, aber dieser Geruch nach frisch gemähter Wiese im Frühling erinnert ihn an seine Frau.
Zum letzten Mal begibt Orion sich zum Schrein, um vor den Göttern für eine sichere Reise zu beten.
Vor dem Altar kniend, zündet er zwei Kerzen an. Eine für Alissa und die andere für sich selbst. Lange nach den richtigen Worten suchend, steigt die Wut in ihm hoch.
Sein ganzes Leben hat Orion den Göttern treu gedient. Ihnen Opfergaben dargebracht und sich an ihre Gesetze gehalten. Dennoch bestrafen sie ihn und haben ihn zum Mörder seines Bruders gemacht.
Kochend vor Zorn pulsiert das Blut in seinen Adern, schießt in Gesicht und Hände. Finger umklammern den grob gehauenen Altar und krallen sich fest. Die Augen starr auf die flackernden Kerzen gerichtet.
Scheppernd zerbricht der Stein an der Wand und Bruchstücke verteilen sich über den Boden.
Schmerz und Leid freilassend randaliert Orion, schmeißt Regale um und verflucht die Unsterblichen. Wo waren sie, als die Farm angegriffen wurde? Warum heilen sie nicht Alissas Wunden oder bringen Vorräte?
Blind vor Rage wirft Orion die Urne seines Vorfahren auf den Boden. Asche und Staub bedecken den zertrümmerten Schuppen und allmählich dämmert Orion, was er getan hat.
Erschöpft auf den Boden sackend, entschuldigt er sich. Trägt vergeblich Scherben und Asche zusammen. Noch nie hat er so die Fassung verloren. Noch nie seinen Gefühlen freien Lauf gelassen.
Splitter bleiben in den nackten Unterarmen stecken und ziehen brennende Schnitte über die Haut.
Etwas schimmert unter der Asche.
Verdutzt entfernt Orion den restlichen Schmutz und untersucht das metallene Ding. Es ist nicht größer als eine Streichholzschachtel und hat auf einer Seite winzige Widerhaken. Aus einem Loch ragen kurze, undurchsichtige Borsten. Auf der anderen Seite ist ein Symbol in das Metall eingraviert: drei übereinander gewellte Striche.
Senkrecht gehalten wirkt es wie fließendes Wasser, dreht man es, sind es lodernde Flammen.
Noch nie hat Orion etwas Vergleichbares gesehen. Ist es irgendein Werkzeug oder ein Glücksbringer? Vielleicht ist es ein Zeichen seines Ahnen für eine sichere Fahrt.
Verlegen bedankt sich Orion, steckt den Talisman in eine der Taschen seines Hirschmantels und stürmt aus dem Schuppen.

Der unbarmherzige Herbstwind dringt Orion trotz der dicken Kleidung durch Mark und Bein und ein letztes Mal steht er vor Großvaters Grab. Diesmal nicht, um sich die Sorgen vom Herzen zu reden, sondern um Abschied zu nehmen.
In der einen Hand die Schnapsflasche mit dem Rest des Fusels haltend, wischt Orion sich die Augen.
„Wir machen uns dann auf den Weg. Pass auf die Farm auf, so wie sonst auch. Ich kann dir nicht sagen, wann ich wiederkomme. Zumindest erst, wenn Helen und Illias in Sicherheit sind. Verdammt, ich weiß nicht einmal, ob ich es überhaupt je wieder hierhinschaffe.“
Orion nimmt einen Schluck aus der Flasche, lässt aber einen letzten Tropfen darin.
„Ist ziemlich gut geworden. Sollteste auch mal probieren.“
Den Rest auf den frischen Erdhügel gießend, kämpft er mit den Tränen.
„Wenn du … Philo und die anderen siehst, dann … grüß sie bitte von mir. Ich vermisse euch so sehr … Macht’s gut, wir sehen uns spätestens in der Unterwelt wieder.“
Die letzten Worte ersticken fast in seinem Hals und Orion muss mit sich selbst kämpfen. Kämpfen, um sich umzudrehen und zu den trostlosen Häusern zurückzukehren.
Etwas muss ihm ins Auge geflogen sein, denn sie wollen nicht aufhören zu tränen.

So behutsam wie möglich trägt Orion Alissa auf den Karren und legt Schichten von Decken über die schweißdurchtränkte Frau. Kein Schrei, keine Regung durchfährt ihren Körper und da dämmert es ihm: Sie hat keine Kraft, keine Reserven mehr, um sich zu wehren. Selbst das Atmen verlangt ihr alles ab und ohne Hilfe wird es bald vorbei sein.
Er erinnert sich an das Gespräch mit Illias auf dem Dorfplatz. Dass ihnen das einfache Leben im Blut steckt.
Und jetzt lässt er alles zurück.
Alles, was ihn bisher ausgemacht hat.
„Halt dich gut fest“, rufend bindet Orion das Lederband um die Brust und setzt den Karren in Bewegung.
Raue Fasern schneiden ihm in die Haut und nach wenigen Schritten schmerzen die Druckstellen. Aber unbeirrt setzt er einen Schritt vor den anderen.
Der Weg nach Platon ist nicht schwer, aber herabgefallene Äste und knorriges Wurzelwerk erschweren das Fortkommen auf dem sonst unproblematischen Südpfad.
Am Abend ist ein gutes Stück geschafft und im Lichtspiel des kläglichen Lagerfeuers untersucht Orion die Striemen an seiner Brust. Wunde Haut spannt sich dort, wo das Leder drückt, und einige Stellen sind wund.
Am nächsten Morgen schmerzt ihm jeder Muskel, aber ohne ein Wort der Klage zieht Orion erneut den Karren.
Wenn Alissa durchhält, wird er es auch tun.
Wind und Regen verwandeln am dritten Tag den sicheren Pfad in eine Rutschbahn, aber Orion läuft weiter.
Tiefe Schnitte bilden sich auf seiner Brust und schmerzen bei der leichtesten Berührung.

Schneeflocken rieseln am nächsten Morgen vom Himmel und bilden einen weißen Teppich auf dem alten Pfad.
Alle Kraft aufbringend läuft Orion weiter. Aller Folter und Widrigkeiten zum Trotz. Das nasse Holz lässt sich nicht entzünden und so legt er sich zu Alissa, um sich gegenseitig zu wärmen.
Letzte Stücke verschimmelten Brotes herunterwürgend und den knöcheltiefen Schnee betrachtend, kommen Orion die ersten Zweifel, die verletzte Frau weiter zu transportieren.
Schon die bloße Kleidung schmerzt auf seiner Brust, doch entschlossen spannt er sich erneut vor den Karren. Wärme breitet sich um sein Herz aus. Ob es das wohlige Gefühl der Nächstenliebe oder die geplatzten Wunden sind, ist schwer zu sagen.
Rotes Blut sickert durch das Leinenhemd und tropft durch jede der fünf Schichten.

Gegen Vormittag zieht ein Sturm auf und Schnee türmt sich zu undurchdringlichen Barrikaden auf. Unnatürliche Finsternis überzieht das Land, sodass Orion kaum die eigene Hand erkennt, und der Karren bleibt in den Schneemassen stecken.
Wütend brüllt Orion in den Orkan:
„Wollt ihr Götter wirklich, dass ich diese Frau sterben lasse? Äol, hast du mir nicht genug genommen? Willst du mir auch noch den letzten Rest Menschlichkeit nehmen?“ Erschöpft fällt Orion in den Schnee und beleidigt jeden Gott, der ihm in den Sinn kommt. „Ich glaube nicht mehr an euch. Ich bin fertig! Alissa, es tut mir leid. Ich habe weder die Kraft, dich noch mich selbst nach Platon zu bringen. Ich denke, es endet hier.“
Durch den Sturm hört er ihre schweren Atemzüge, die rasselnd schwächer werden. Bald ist es vorbei. Für sie beide.
Schatten und Schemen von Gesichtern verhöhnen Orion und lachen ihn aus. „Lasst mich in Ruhe sterben!“, brüllend schlägt er nach frostigen Händen, die ihn packen und wegziehen wollen.
Hände aus Schnee und Eis, nicht mehr als Illusionen seines Geistes.
Bevor ihm die Augen zufallen, beugt sich ein bärtiges Gesicht über ihn. Goldene Augen blitzen auf und Orion fragt: „Ist es vorbei?“

Und der Schatten antwortet:
„Nein!“

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