III Orion: Paragon
Aufmerksam überprüft Orion den alten Karren. Achse und Räder machen noch einen soliden Eindruck, und das Getreide ist sicher auf der Ladefläche verstaut. Die Ochsen hat er bereits eingespannt, und träge fressen sie das letzte Gras, das noch auf dem Boden wächst. Sie haben ihre besten Jahre bereits hinter sich, aber trotzdem werden sie den Pflug und den Karren noch eine Zeit lang ziehen können. Zumindest müssen sie es, denn ein neues Tier kostet ein kleines Vermögen, und eine solche Ausgabe ist nicht eingeplant.
Auch wenn die Ernte dieses Jahr gut ausgefallen ist, brauchen sie erst einmal neues Werkzeug: Der Pflug ist rostig, und Heugabel und Axt hat es gestern zerlegt. Zudem kommen ihnen die gerissenen Schafe teuer. Ihre Wolle hätten sie gut verkaufen oder Kleidung daraus stricken können.
All das kommt zu einem schlechten Zeitpunkt, vor allem, wenn der Winter so hart wird, wie es die Vogelschau prophezeit hat.
Illias und Helen haben es sich bereits auf der Ladefläche gemütlich gemacht, und Scylla geht besorgt auf und ab, denn Philo war nicht zum gemeinschaftlichen Frühstück erschienen. Zwar beteuerte er, alles sei in Ordnung, aber nach seinem Zustand von gestern Abend zu urteilen, wird es ein Problem, den Riesen zum Transport bereit zu machen.
„Soll ich rein und ihm helfen?“, fragt Orion.
„Er meinte, er schafft das allein“, erwidert Scylla zögerlich. „Du weißt doch, was er für ein Dickkopf ist.“
„Stolz hin oder her, ich hol ihn, sonst kommen wir niemals in Paragon an.“
Er nimmt die erste Stufe, da kommt Bella laut lachend aus der Haustür gerannt, verfolgt von einem schnaufenden Philo, der sie einholt, packt und in die Luft hebt.
Verblüfft beobachtet er seinen Bruder dabei, wie er Bella ins Stroh legt und Scylla einen leidenschaftlichen Kuss gibt, um dann, sein Liedchen pfeifend, auf dem Beifahrersitz Platz zu nehmen.
„Willst du ewig da stehen bleiben, oder soll ich fahren?“
Ungläubig setzt sich Orion neben ihn. „Wie geht es dem Fuß? Sah schlimm aus gestern.“
Trotzig stampft Philo auf das Holz. „So gut wie neu“, dann erhebt er die Stimme, damit auch jeder ihn hören kann. „Das ist die Liebe, Brüderchen! So was kommt davon, wenn sich die beste Frau der Welt um einen kümmert!“
Die Röte schießt Scylla ins Gesicht, und als Helen ihr etwas ins Ohr tuschelt, schaut sie verlegen zu Boden.
„Deine Schürfwunden sind auch weg“, bemerkt Orion.
„Willst du mich den ganzen Morgen mit deinen Fragen löchern? Komm, fahr los, bevor Großväterchen bemerkt, dass wir noch nicht abgefahren sind.“
Orion zuckt mit den Achseln und hebt die Zügel, da fliegt die Haustür mit lautem Krachen auf, und Großvater humpelt fluchend auf sie zu.
Das vor Jahren gebrochene Bein ist nie richtig zusammengewachsen, und selbst mit der Krücke fällt ihm das Laufen schwer. Mit den grauen, zotteligen Haaren und dem wild gewachsenen Bart sieht er aus wie ein Ziegenbock, und ebenso gerne beschwert er sich über alles, was ihm missfällt.
„Seid ihr immer noch nicht los?“, fragt er mit einer Stimme, als würden Fingernägel über eine Tafel kratzen. „Was seid ihr nur für Nichtsnutze? Seid ihr alle ausgeschlafen und habt kräftig gefrühstückt? Dann legt doch noch etwas die Füße hoch! Wozu Geld verdienen und den Jungen zur Heilerin bringen, schließlich ist morgen ja auch noch ein Tag!“
„Wir wollten gerade losfahren. Philo hat etwas länger gebraucht!“
„Falls es dir noch nicht aufgefallen sein sollte, Orion, dieser einfältige Riese braucht für alles länger. Denken, arbeiten, nur beim Essen, da ist er schneller als alle anderen!“
Während Philo so tut, als würde er nichts hören, kringeln sich Illias und Bella vor Lachen auf der Ladefläche, und Großvater wirft giftige Blicke auf sie. „Und die Kinder könntet ihr auch mal erziehen! Vor alten Leuten muss man Respekt haben, sonst setzt es einen!“ Bedrohlich hebt er den Stock, fuchtelt wild damit herum und verliert dabei fast das Gleichgewicht.
„Willst du noch etwas?“, fragt Orion ungeduldig. Geheimniskrämerisch winkt er Orion näher zu sich heran und senkt die Stimme, spricht aber trotzdem so laut, dass ihn jeder verstehen kann.
„Mach ’nen guten Preis und lass bloß Philo das nicht machen. Er hat kein Geschick, was das angeht. Wenn ihr bei Silvana seid, dann holt mir eine Salbe gegen die Furunkel, die mir so zu schaffen machen!“
Die Kinder kriegen sich nicht mehr ein vor Lachen, und auch Scylla und Helen fällt es schwer, nicht in schallendes Gelächter zu verfallen.
„Jaja, werdet ihr auch mal alt“, poltert Großvater und schlägt mit der Krücke gegen den Karren.
Orion rollt mit den Augen und gibt den Ochsen das Kommando zum Loslaufen, dreht sich aber noch einmal zum alten Mann, bevor sie außer Hörweite sind: „Auch wenn du so alt wie nutzlos bist: Pass bitte auf die Farm auf und stirb nicht, damit wir so lange wie möglich noch etwas von dir haben!“
Wüste Flüche verfolgen sie, bis der Karren die Abbiegung nimmt und die Farm hinter einem Meer von Bäumen verschwindet.
Dem mit Laub und abgebrochenen Ästen verdeckten Pfad folgend, fließt neben ihnen ein Fluss. Dieser reißende Strom führt direkt nach Paragon, mündet in ein unterirdisches Höhlensystem und tritt auf der Rückseite wieder zutage. Mit tief in den Stein gehauenen Brunnen versorgen sich die Dörfler so mit frischem Trinkwasser.
Dies und die zentrale Lage zu den umliegenden Höfen machen die Siedlung zu einem begehrten Handelsort. Oft machen Karawanen aus fremden Ländern auf der Durchreise halt, mieten ein weiches Bett und genießen den Schutz vor Plünderern.
Auch wenn Paragon nicht mehr ist als ein verschlafenes Nest, so sind die Palisaden dick und die Wachen aufmerksam.
Auf der Ladefläche ist die Aufregung groß: Nur selten steht ein Besuch der Siedlung an, und so werden nicht nur die Ereignisse des letzten Tages besprochen, sondern auch sämtliche anstehenden Anschaffungen durchgegangen.
Scylla schwärmt von dem neuen Kleid, das ihr Philo versprochen hat, und beschreibt detailliert Schnitt, Farbe und Form der Knöpfe und Rüschen. Neidisch merkt Helen an, dass Orion ihr schon ewig kein Kleid mehr gekauft hat und sie es leid sei, sich selbst welche zu nähen. Stattdessen freut sie sich bereits über das neue Nudelholz und die Backformen und erklärt, welchen Kuchen sie im Frühling backt, um den Göttern für den überstandenen Winter zu danken.
Illias erzählt Bella wieder und wieder die Geschichte der gestrigen Jagd. Mit jedem Mal wird sie wilder und spektakulärer, und wenn er zu dem Teil kommt, als Philo in den Abgrund stürzt, schlägt Bella erschrocken die Hände vor den Mund, nur um erleichtert aufzuatmen, als Illias ihn verletzt, aber munter wiederfindet.
Orion lauscht dem Lied, das sein Bruder pfeift, und summt entspannt die Melodie mit. Ohne ein Wort zu wechseln, verstehen sie einander, genießen das sanfte Schaukeln und die Ruhe.
Niemand anderem vertraut er so blind wie diesem Mann.
Rauchsäulen steigen über dem lichter werdenden Wald auf, und karminrote Ziegel zieren die einfachen Fachwerkhäuser.
Mächtige Palisaden stellen sich ihnen in den Weg, bis sich das hölzerne Tor öffnet und die Wache ihnen zum Gruß den Speer hebt. „Was gibt’s Neues im Eichental?“
„Morgens geht die Sonne auf und abends unter“, antwortet Orion mit einem Lächeln. „Ist Theophilus zu sprechen?“
Nachdenklich kratzt sich der Mann den spärlichen Bart und zeigt mit dem Speer zum Hauptgebäude. „Wenn ich mich nicht täusche, müsste er noch eine Sitzung im Rathaus halten.“
Orion nickt dankend, und die Wache widmet sich wieder ihren Pflichten.
Die Straße aus grob gehauenen Pflastersteinen führt zu den wichtigsten Orten: Marktplatz, Rathaus und Silvanas Hütte. Frisch gebackenes Brot liegt in der Auslage des Bäckers, und der süße Geruch steigt Orion in die Nase. Zu gerne würde er ein oder zwei Laibe für das morgige Frühstück kaufen, mal nicht auf jedes Kupferstück achten; vielleicht beim nächsten Besuch.
Schweiß von seiner Stirn wischend, hält der Schmied kurz inne, grüßt sie mit einem schroffen „Hallo“ und widmet sich wieder seiner Arbeit. Durch das stete Klopfen bietet der Barbier die feinste Rasur und den besten Haarschnitt an.
Orion befestigt den Karren an dem überschaubaren, fast schon winzigen Marktplatz, und sofort fallen ihm mehrere Karawanen ins Auge. Fremd aussehende Händler und Söldner tragen Kisten und Waren in die kleine Schänke, die vor Gästen beinahe platzt. Der Winter naht, und niemand möchte ihm unvorbereitet begegnen.
Helen, Scylla und Bella machen sich zum Werkzeughändler auf, während für die anderen ein Besuch bei Silvana ansteht. Danach werden sie das Getreide auf dem Markt verkaufen und dem Bürgermeister von der erfolgreichen Jagd berichten.
Nahe dem steinernen Brunnen steht eine Bretterbude. Über der Tür schaukelt ein Schild mit zwei sich um ein Kreuz windenden Schlangen: das Zeichen der Heiler.
„Müssen wir wirklich zu ihr? Ich mag sie nicht“, fragt Illias, aber sein Vater schiebt ihn durch die Eingangstür, und Philo trottet hinterher.
Die Klingel läutet, und hinter Regalen, zugestellt mit Kräutern, Umschlägen, Mullbinden und Messbechern, erklingt eine schwache, genervte Stimme: „Wie oft soll ich es dir noch sagen? Der Ausschlag ist nicht ansteckend, und er wird dir nicht abfallen!“
Eine Frau mittleren Alters in einem weißen Leinenkleid und einer Haube im Haar balanciert Krüge auf den nahen Schreibtisch und wirkt erleichtert, als sie den Besuch erkennt.
„Preist die Götter, ihr seid es. Wie aufdringlich kann ein Mann sein, nur weil ihm Eiterbeulen auf dem … Ach, egal.“ Sie mustert die drei von oben bis unten, legt jedem die Hand auf die Stirn und überprüft den Puls. „Hätte Illias nicht alleine kommen können? Ich kann es nicht leiden, wenn besorgte Eltern mir den wenigen Platz wegnehmen!“
„Hab mir gestern den Fuß verdreht, vielleicht kannst du ihn dir angucken, damit ich schon mal zum Markt kann“, murmelt Philo, und Silvana weist auf das frisch bezogene Bett.
Grob dreht sie den Fuß in alle Richtungen, zieht und zerrt, um dann genervt zu Illias zu gehen.
„Keine inneren oder äußeren Verletzungen und auch keine Infektion. Ungewöhnlich bei einem Trampel wie dir, aber könntest du jetzt bitte endlich verschwinden!“
Ihre Worte sind nicht mehr als ein Hauch, aber ihr Blick ist eindeutig.
„’Tschuldigung, Silvana. Danke, Silvana“, stammelt der Riese und stolpert überhastet hinaus.
„Du! Hinsetzen! Hemd ausziehen!“ Ihr gereizter Ton lässt keine Widerworte zu, und fügsam zieht Illias sein Hemd aus. Sie untersucht den Verband, schüttelt den Kopf und murmelt etwas von „dilettantischer Arbeit“.
Vorsichtig weist Orion darauf hin, dass die Wunde bereits mit heißem Wein ausgewaschen wurde.
„Helen zeigt zumindest ein bisschen Geschick, wenn es um Wundversorgung geht. Kein Eiter. Die Wunde nässt und riecht nicht … das sind gute Zeichen. Ich mache dir eine Salbe drauf, wäre doch schade, wenn der Arm abfaulen würde.“
Mit dem Anflug eines Lächelns verschwindet Silvana zwischen den Regalen, als Illias verängstigt zu seinem Vater schaut, der vehement mit dem Kopf schüttelt.
Zielsicher holt sie einen Krug zwischen den hundert anderen hervor und schiebt sich eine lose Strähne zurück unter die Haube. „Nicht bewegen … schön gleichmäßig …“
Schmerzhaft verzieht der Junge das Gesicht. Sanft streichelt ihm Orion durch das Haar, als Silvana Nadel und Faden vorbereitet.
„Was und warum?“, fragt sie und schaut Illias eindringlich an.
Orion räuspert sich, um die Lage zu erklären, verstummt aber wieder, als er Silvanas wütenden Blick sieht. „Ich will ihn hören“, haucht sie.
„Wir haben drei Züchtungen getötet! Sie haben unsere Tiere gefressen, und Vater hat gesagt, wenn sie mit dem restlichen Vieh fertig sind, verspeisen sie uns.“ Illias stöhnt vor Schmerz, als die Heilerin die Wunde zusammenzieht und verknotet. „Ich sollte mich mit dem Bogen im Hintergrund halten, aber Philo ist in einen Abgrund gestürzt, da musste ich gegen das Männchen helfen. Hab ihm einen Pfeil in den Schädel gejagt, aber vorher hat es mich gebissen.“
„Und jetzt bist du ein Bestienschlächter, so wie die Helden in den Legenden?“
„Na klar, bald hörst du die tollsten Lieder und Geschichten über mich“, antwortet Illias und lacht.
„Herkules, Achilles, Jason. Jeder kennt sie, dabei vergisst man schnell, dass sie entweder ein kurzes Leben hatten oder einen grausamen Tod gestorben sind. Oft sogar beides. Nicht nur sie selbst, auch ihre Anhänger wurden gefressen oder aufgeschlitzt. Die Mutigen und Dummen sterben schnell, die Schlauen und Feigen haben ein langes und erfülltes Leben.“ Silvana macht einen letzten Knoten, wickelt einen frischen Verband um die Wunde und zieht den Jungen mit festem Griff an sich. „Es sieht nicht schön aus, aber es wird halten. Ich will keine weiteren Geschichten über Abenteuer und Züchtungen von dir hören, und jetzt raus mit dir! Orion, du bleibst!“
Hängenden Kopfes geht Illias, dann knöpft sie sich Orion vor.
„Ich dachte, du wärst clever genug, ihn noch aus so etwas rauszuhalten!“
„Wir brauchen jede Hand auf der Farm, und er ist alt genug, Verantwortung zu übernehmen. Ich hatte keine andere Möglichkeit.“ Nervös senkt er den Blick, weicht ihren aufgebrachten Augen aus.
„Ich habe den Jungen auf die Welt gebracht, da soll er sich nicht in eine Reihe toter Möchtegernhelden einreihen. Wie geht es Großvater?“
„Das Bein und die Furunkel machen ihm zu schaffen. Mit dem Verlust geht er auf seine Weise um …“
„Männern fällt es nie leicht, Frau und Kind zu überleben, hab Verständnis für ihn. In zwei Wochen komm ich euch besuchen und werde mir den Jungen und Großvater ansehen. Ich geb dir Verbände zum Wechseln und eine Salbe für die Furunkel mit, und Orion …“
Er hebt den Kopf.
„Wenn das alles ist, weißt du ja, wo die Tür ist!“
Mit einem vollbepackten Korb beladen verlässt Orion die Hütte, froh, die Begegnung überstanden zu haben.
Illias steht über dem Brunnen am Versammlungsplatz gebeugt und wirft bedrückt einen Stein hinein.
„Lass den Kopf nicht hängen, wir sind doch noch gut davongekommen“, sagt Orion und kratzt sich verlegen am Nacken.
„Sie hat nicht ein gutes Wort über mich verloren. Ich hab euch das Leben gerettet, und deswegen zieht sie mich runter?“
„Das ist ihre Art. Als Heilerin ist sie um das Wohl aller Bewohner in und um Paragon besorgt. Ich hab mir mal einen Splitter eingefangen, der sich entzündet hat. Ich dachte, sie würde mich auffressen.“
Einen besonders großen Stein in den Brunnen werfend, verfolgt der Junge, wie er von den reißenden Wassern fortgerissen wird. „Werd ich immer auf der Farm leben müssen?“
„Natürlich. Irgendwann, wenn du selbst Frau und Kind hast und ich ein alter Mann bin, ist sie dein. So lange ich denken kann, sind wir Bauern, und so es die Götter wollen, werden wir es auch noch in hundert Generationen sein.“
„Und wenn ich lieber die Welt bereisen und Abenteuer erleben möchte?“, fragt Illias.
„Warum solltest du das tun? Das einfache Leben steckt uns im Blut, das ist das, was wir am besten können. In ein paar Jahren wirst du erkennen, dass dir nichts mehr liegt, als Saatgut auszuwerfen und die Sichel zu schwingen.“
Traurig schaut der Junge in den Schacht und lauscht dem Rauschen des fließenden Wassers.
„Schau, in jungen Jahren war ich auch nicht begeistert von den Aussichten, die ich hatte. Aber wäre ich in die Welt gezogen, hätte ich nie deine Mutter kennengelernt und dich nie bekommen.“ Orion greift seinem Sohn sanft an die Schulter und zieht ihn an sich. „Du hast alles verändert. Als ich dich in den Armen hielt, erst ein paar Atemzüge alt, da erlebte ich tiefe Demut. Demut vor dem Leben und den Göttern. Und ich schwor, all das zu beschützen, was ich liebe: dich, deine Mutter, Philo und seine Familie.“
Einen letzten Stein in die Tiefe schmeißend, schaut Illias zu seinem Vater hinauf und lächelt. „Das hast du schön gesagt.“
„Gut, denn wenn wir nicht spurten und dem Dorfältesten berichten, macht uns deine Mutter die Hölle heiß.“
Laut fällt die schwere Eichentür ins Schloss, und zwei Männer, die sich über einen Tisch gebeugt aufgebracht unterhalten, schauen zu ihnen auf.
Der ältere von ihnen, mit dem lichten grauen Haar, dem Vollbart und der runden, gesprungenen Brille, geht strahlend zu ihnen. Seine weiße Tunika und die rote Schärpe flattern mit jedem Schritt, und freudestrahlend begrüßt er die Ankömmlinge:
„Orion, Illias! Es muss eine Ewigkeit her sein. Wie groß und kräftig der Junge geworden ist. Ich war mit Constantine in einem wichtigen Gespräch über die Vorbereitungen des baldigen Winters.“
Er nickt zu dem anderen Mann, der die Hände in die Hüften stemmt und offenbar nicht bereit ist, seinen Standpunkt schon aufzugeben.
„Vielleicht könnt ihr ihn ja überzeugen, dass wir mit zwei Lagerhäusern voll mit Vorräten sehr gut aufgestellt sind.“
„Du nimmst die Situation zu sehr auf die leichte Schulter“, sagt Constantine. „Die Nahrungsmittel werden eineinhalb Monate reichen, wenn wir sie rationieren zweieinhalb. Was, wenn dieser Winter länger dauert? Außerdem haben wir zu wenig Feuerholz. Ich schlage vor, Jäger und Holzfäller noch mal rauszuschicken.“
„Unfug. Alle sind müde von der Ernte und den Vorbereitungen. Gönn ihnen etwas Ruhe. Was hältst du von seinem Vorschlag, Orion?“
Aufmerksam erwartet der Bürgermeister seine Antwort.
„Theophilus, ich denke nicht, dass meine bescheidene Meinung zählt.“
„Orion, bitte nenn mich Theo. Sag es frei heraus! Du bist die Basis dieses Dorfes. Ich bin nur der gewählte Vertreter. In einer Demokratie ist der Austausch untereinander wichtig, um die beste Lösung zu finden. Schließlich ist meine Meinung nicht besser als deine.“
„Nun“, räuspert sich Orion. „Die Vogelschau hat einen langen, harten Winter prophezeit, und wilde Tiere sind verzweifelt genug, Nahrung im Eichental zu suchen. Wenn du mich fragst, Theophilus, sollten wir uns so gut vorbereiten, wie es geht. Schick sie noch mal raus.“
Constantine klatscht mit den Händen und hebt die Arme, als würde er den Göttern für den Beistand danken. „Ich hab es dir gesagt: Lieber vom Schlimmsten ausgehen, um dann nicht überrascht zu werden.“
Doch Theophilus winkt die Aussage weg, und sein zuvor freudiges Gesicht verdüstert sich. „Was sagtest du da von wilden Tieren?“
Orion schildert den Kampf mit den Züchtungen und Illias’ Beitrag gegen das Männchen.
„Großartige Leistung, Junge“, sagt Constantine vom Kamin, anerkennend nickend.
Der Bürgermeister klopft ihm auf die Schulter. „Eine Züchtung zu töten ist nicht einfach. Das sind zähe Biester, sag ich dir, und so manchen Wanderer haben sie schon auf dem Gewissen. Hat man dir je gesagt, warum wir sie so nennen?“
Illias schüttelt den Kopf, bedacht, mehr zu erfahren.
„Einst waren es Haus- und Nutztiere der Ahnen, aber sie verwilderten, haben sich mit wilden Artgenossen gepaart und wurden zu dem, was wir heute fürchten. Man mag gar nicht mehr glauben, dass sie einem einst bis zu den Knien gereicht haben sollen. Um ehrlich zu sein, erkenne ich großes Potenzial in dir. Wenn du älter bist und merkst, dass das einfache Leben nichts für dich ist: Wir brauchen immer gute Wachen und Jäger.“
Das Glühen kehrt in Illias’ hellblaue Augen zurück, das nach dem Besuch bei Silvana erloschen war. „Meinst du das ernst?“
„Natürlich! Hab ich dir schon mal die Relikte des Dorfes gezeigt? Es sind heilige Schätze. Geschenke der Götter, und vielleicht wirst du sie eines Tages beschützen.“
Neugierig schüttelt der Junge den Kopf, dann räuspert sich Orion. „Ich hatte dasselbe Thema mit Silvana, und wir kamen zu dem Schluss, dass Abenteuer gefährlich sind.“
Theophilus schnaubt laut auf. „Was weiß diese Frau schon? Männer sind da, um die Welt zu bereisen und sie zu einem besseren Ort zu machen. Komm mit hoch, ich zeig dir Scharfauge.“
Hastig folgt Illias dem Bürgermeister die knarzenden Stufen in die obere Etage hinauf, und widerstrebig folgt Orion ihnen.
Einige Kerzen tauchen den Raum in schummriges Licht, und der beißende Geruch von Weihrauch brennt in den Augen.
„Schau, das ist Scharfauge“, sagt Theophilus und hebt das Jagdgewehr vorsichtig von dem kleinen steinernen Altar. „Siehst du die in das Metall gefeilten Schutzrunen?“
„Was bedeuten sie?“, fragt Illias neugierig.
„Jedes Symbol steht für einen getöteten Feind. Sie geben mir Kraft, Ausdauer, Geschick, Mut und Entschlossenheit. Es müssen inzwischen mehrere Dutzend sein, ich habe kaum noch Platz für weitere. Jeden Einzelnen getötet mit einem Schuss mitten ins Herz. Schau mal durch das Fernrohr.“ Er gibt dem Jungen das Gewehr, der es mit Mühe gerade halten kann.
„Alles ist so nah! Was ist das für eine Zauberei?“
Der Bürgermeister lacht belustigt auf. „Das ist doch keine Magie. Die Linsen vergrößern das Ziel, genau wie bei meiner Brille. Wenn du jetzt den Abzug drückst …“ Illias zieht an dem kleinen Hebel, und es klickt. „… und eine Kugel im Lauf wäre, hättest du ein tüchtiges Loch in die Wand geschossen.“ Er nimmt dem Jungen das Gewehr ab, zieht am Nachladehebel und zielt durch das Visier auf ein imaginäres Ziel. „Leider verstehen wir den Mechanismus nicht ganz und können es somit nicht nachbauen, deswegen müssen wir es mit unserem Leben schützen!“
Das Gewehr zurück auf seinen Platz legend, hebt er eine vergilbte, rote Schachtel auf. „Das ist alles, was wir an Munition noch haben. Wie ein Gebet zähle ich jeden Tag die dreiundsiebzig Kugeln und hoffe, dass sie noch lange das Dorf beschützen werden.“
Klimpernd legt er die Schachtel zurück, ergreift die Maske daneben und hält sie Illias an den Mund. „Dies ist Anapoi, der lange Atem. Nimm einen Zug dadurch.“ Ein mechanisches Saugen ertönt. „Sie ermöglicht es, unter Wasser zu atmen. Wir nutzen sie, wenn das Höhlensystem verstopft und die Brunnen austrocknen.“
Doch Orion nimmt seinem Sohn die Maske weg und legt sie zurück auf den Altar. „Genug jetzt. Wir haben noch einen langen Rückweg vor uns, die anderen warten bestimmt schon, und bevor wir aufbrechen, muss ich am Schrein für eine sichere Heimfahrt beten.“ Er packt Illias und zerrt ihn mit sanfter Gewalt die Treppe herunter, während Theophilus ihnen geknickt folgt. „Auf Wiedersehen, Theophilus, auf uns wartet noch viel Arbeit“, knirscht Orion, als der Bürgermeister seine Hand ergreift und überschwänglich schüttelt.
„Bitte verzeih mir, wenn ich mich in etwas eingemischt haben sollte, was mich nichts angeht. Du kennst mich, ich bin …“
Dröhnen unterbricht ihn.
Es wird lauter.
So laut, dass die Wände wackeln.
Schreie und Schüsse von draußen. Dann erklingt die Warnglocke, verstummt aber Augenblicke später wieder.
Constantine schaut mit bleichem Gesicht aus dem Fenster und wendet sich an den Bürgermeister. „Hol Scharfauge!“
So schnell ihn seine Beine tragen, steigt der alte Mann die Stufen hoch, und besorgt schaut Illias zu seinem Vater.
Die Eichentür schwingt auf, und fünf schwer bewaffnete Gestalten treten ein. Sie ziehen und zerren Orion, Illias und Constantine auf den Marktplatz, wo bereits viele der Anwohner zusammengetrieben wurden.
Schwerter, Äxte, sogar Gewehre zählen zur Bewaffnung der Fremden. Dutzende Soldaten stehen um die Menschenmenge herum oder treiben weitere Dörfler auf den Versammlungsplatz.
Auf den Leder- und Kettenrüstungen prangt dasselbe Zeichen: drei grüne waagerechte Striche, die am rechten Ende in einer Spirale enden.
Schüsse in den äußeren Bezirken, dann landet eine kreischende Kreatur vom Himmel und blockiert die Hauptstraße.
Orion hat so etwas Furchteinflößendes noch nie gesehen: Die hölzernen Flügel sind mit Leder und Tuch bespannt und enden in feuerspeiende Turbinen. Aus dem dicken, ovalen Bauch marschieren weitere Soldaten. Notdürftig sind Rost, Löcher und brüchige Stellen mit Holzplatten verschraubt, und selbst die verbauten Teile wirken wahllos zusammengewürfelt.
Unmengen von Staub aufwirbelnd, kommt die Flugmaschine zur Ruhe, und jetzt bemerkt Orion, dass jeder der Eingänge von Paragon mit einem dieser Geräte blockiert ist.
Mit aller Kraft hält er Illias bei sich, sucht nach seiner Frau und Philo, dann erkennt er den schwarzhaarigen Riesen, der aus der Menge heraussticht. Während er sich zu ihnen durchkämpft, kehrt Ruhe ein, kaum jemand spricht ein Wort.
Eine Windböe kommt auf, und die Fremden schlagen sich mit den Waffen gegen die Brust. Endlich erreicht Orion Helen und nimmt sie in den Arm. Scylla und Bella stehen besorgt neben Philo, der sich verwirrt umsieht.
„Was ist passiert? Wo kommen die so plötzlich her?“, fragt Orion, und der Wind weht stärker.
„Diese Dinger sind am Himmel aufgetaucht und, ehe wir sie bemerkten, überall in Paragon gelandet. Im nächsten Moment haben uns die Soldaten zusammengetrieben“, antwortet Helen.
„Die müssen gut ausgebildet sein“, bemerkt Philo. „Keiner hatte die Zeit zu kämpfen.“
Illias zeigt nach oben. „Was ist das?“
Ein Schiff, fast so lang wie Paragon und halb so breit, schwebt über ihnen. Der Rumpf, halb von Wolken bedeckt, wirkt wie aus Metall gegossen. Riesige Ballons sind daran befestigt, und am Heck dreht sich eine mit Flügeln versehene Schiffsschraube.
Orion kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus, als der Wind zu einem Sturm wird und Ziegel von den Fachwerkhäusern gerissen werden.
Soldaten trommeln sich weiter auf die Brust und stampfen mit den Speeren auf den Boden. Schneller und lauter singen sie einen Namen: „Äol.“ Blitze zucken am Himmel, und einer schlägt in eines der Dächer. Stürmisch peitscht der Wind durch die Straßen, reißt ihnen fast die Kleider vom Leib.
Der Singsang wird lauter, lauter als der Orkan. „Äol, Äol, Äol!“
Dorfbewohner ducken sich verängstigt, schreien und beten um Hilfe, und auch Orion betet zu den Göttern um Beistand, als der Wind mit einem Mal aufhört.
Stille.
Grollend zucken Blitze die Wolken entlang. Etwas stürzt vom Luftschiff herunter, fällt mit unglaublicher Geschwindigkeit zu Boden. So klein wie ein Vogel, nein, ein Mensch, der weiter in die Tiefe fällt. Er droht, am Boden zu zerschellen, wird aber langsamer. Scheint fast zu schweben.
Seine Haut ist schwarz wie Ebenholz, das Gesicht eine marmorne Maske. Sanft landen seine Füße auf dem Boden, und die Soldaten, ja jeder Anwesende, verstummen.
„Kniet nieder!“, ruft jemand. „Äol, Gott des Windes und Mitglied des Pantheons. Der vom Olymp hinabgestiegene Herr über die vier Winde steht vor euch!“