Götter und Herolde Orion – epische Fantasy Charaktere mit Kriegern, Gottheiten und düsterer Atmosphäre



IV Orion: Tribut

Aus reinem Marmor gemeißelt, verzieht der Gott keine Miene. Sein Blick ist väterlich, aber strafend.
Der volle, gehauene Bart und die kurzen, mit einem goldenen Reif gebundenen Haare wirken makellos. Ausgehöhlte, azurfarben leuchtende Augen fliegen über die Zusammengetriebenen.
Ruhen auf Orion, durchleuchten ihn, bis sein Blick weiterzieht.
Auf dem Kopf thront ein Lorbeerkranz. Keine Falte liegt auf der weißen Tunika, kein Makel ziert die grüne Schärpe. Goldene Bänder hängen an seinen Handgelenken und eine mit roten Juwelen besetzte Kette schmückt seinen Hals.
Äols Erscheinung ist die eines Gottes würdig.

Ein Schuss durchbricht die Stille und die Wache neben dem Gott sackt zu Boden.
„Verdammtes plünderndes Pack“, flucht der Bürgermeister, lädt Scharfauge nach und tötet mit einem gezielten Schuss ins Herz eine weitere Wache. „Warum verängstigst du diese Männer und Frauen, die mir so wichtig sind?“, fragt er, lädt erneut nach und zielt diesmal auf Äol.
Soldaten erheben ihre Waffen und zielen auf den wütenden Mann, lassen sie aber nach einer Handbewegung des Gottes wieder sinken.
Die gesplitterte Brille bebt auf Theophilus’ Nase und mit Tränen in den Augen schreit er: „Was gibt dir das Recht, uns anzugreifen?“
„Welches Recht?“, wiederholt der Gott mit ruhiger Stimme und löst den Blick nicht vom Lauf des Gewehrs. „Das göttliche natürlich! Ich bin ein vom Olymp hinabgestiegener Gott. Gekommen, würdige Jünger um mich zu scharen.“
„Du machst mir nichts vor“, spuckt der Bürgermeister aus, während seine Arme zittern. „Du bist ein Mensch aus Fleisch und Blut, egal wie du dich verkleidest.“
Äol schüttelt enttäuscht den Kopf. „Solch blasphemische Worte kann ich nicht dulden. Wer an mir zweifelt oder einen meiner Männer angreift, der ist des Todes.“
Zähneknirschend antwortet Theophilus: „Dann hab ich ja nichts mehr zu verlieren.“
„Wer mich herausfordert, dem gewähre ich einen fairen Kampf. Mann gegen Gott.“ Er zeigt auf die Menge um sie herum. „Niemand, weder Wache noch Jünger oder Novize, wird sich einmischen. Dein Tod wird gerecht sein.“

Keinen Moment länger wartend, fällt der erste Schuss.
Mitten in Äols Herz bleibt die Kugel in der schwarzen Haut stecken und fällt wirkungslos zu Boden.
Fluchend lädt der Bürgermeister nach, murmelt „70“, als der Gott mit der Hand durch die Luft streicht und der Wind auf seinen Befehl gehorcht.
Eine Windböe reißt den alten Mann von den Füßen und polternd kracht er in eine Bretterbude, die in sich zusammenfällt.
Gesicht und Arme sind stark am Bluten und doch kämpft sich der Mann unter den Trümmern auf die Beine. Zitternd richtet er die verbogene Brille, erfasst sein Ziel und drückt ab.
Erneut trifft die Kugel das Herz des Gottes. Dringt aber wieder nicht durch die ebenholzfarbene Haut.
„69“, betet der alte Mann.
Äol hebt die Hand, streckt den Finger aus und zeigt auf Theophilus.
Verzweifelt ringt dieser nach Luft und läuft blau an.
Zitternde Hände laden Scharfauge nach, lassen die Patrone ungeschickt fallen. Klimpernd fällt sie zu Boden, verschwindet zwischen Trümmern. Letzte Kräfte mobilisierend, suchen seine Hände die Ruine ab, finden das kalte Metall.
Heben es hoch.
Stecken es in den Lauf.
Er hebt das Visier vom Herz zum Kopf.
Angestrengt kann er das Gewicht nicht mehr stemmen.
„Töte ihn“, flüstert Philo.
„Schieß“, fleht Helen.
„Drück ab“, betet Orion.
Ewig visiert Theophilus sein Ziel an, ringt pfeifend nach Luft, den Finger fest am Abzug.
Schweigend verfolgt Orion, wie das dunkelblaue Gesicht des Wächters von Paragon zur Seite kippt.

Tot schlägt er auf dem Boden auf.
Tot bleibt Theophilus liegen.

Äol steht da, ohne Kratzer, makellos wie zuvor. Die Arme triumphierend erhoben, lässt er sich vom Schweigen der fassungslosen Menge feiern. Sein Gesicht zeigt dieselbe marmorne Maske wie zuvor.
Kein Mitleid, keine Regung in dieser ernsten Miene.
„Wie erwähnt, suche ich neue Jünger. Männer und Frauen, die sich mir verpflichten und meine Lehren verbreiten. Sicher werdet ihr verstehen, dass ich nur die Würdigen unter euch nehmen kann. Stärke, Einfallsreichtum und Entschlossenheit verlange ich und fordere deswegen den göttlichen Tribut. Bevor ich diese Prüfung erkläre, verlange ich etwas Simples: Kniet nieder, in Ehrfurcht!“
Äol hebt beide Arme gen Himmel und nacheinander sinkt ein jeder sprachlos aufs Knie. Den Blick gesenkt, bedacht, den Zorn des Gottes nicht auf sich zu lenken.
Verstohlen hebt Orion den Kopf, schaut über die Knienden zum letzten stehenden Mann, der Äol Widerstand leistet.
Constantine versteckt die zitternden Hände hinter seinem Rücken und mit brüchiger Stimme sagt er: „Der Alte, den du getötet hast, war das Beste, was dieser Siedlung je passieren konnte. Wie soll ich einen Gott anbeten, der mir meinen Vater genommen hat?“
„Dein Vater war ein törichter, aber tapferer Mann. Entehre ihn nicht, indem du dein Leben leichtfertig verwirkst. Mich dürstet es nicht nach sinnlosem Blutvergießen. Der Tod soll seinen Zweck erfüllen: Die Überlebenden stärken und zu wahrer Macht führen.“
Wütend ballt Constantine die Fäuste und hebt widerstrebend das Kinn.
Kaum merklich nickt Äol einem seiner Männer zu und zieht sich zurück.

Orion hatte einst scherzhaft gesagt, es gäbe keinen größeren Mann als Philo, aber selbst ihn überragt der Fremde um einen Kopf.
Sein Gesicht ist bedeckt von einem knöchernen Ziegenschädel mit braunem, gebogenem Geweih. Dunkle Augen schauen müde zum Störenfried, sein Lächeln ein Meer aus Reißzähnen. Verfilzte, schwarze und fettige Haare fallen bis zu seinen Schultern und unheilige Narben ziehen sich über die dunkelrote Haut wie die eines Dämons. Sie bilden seltsame, groteske Muster: Runen und Symbole, die tief in das Fleisch geschnitten wurden.
Die eng anliegende schwarze Weste bedeckt den muskulösen Oberkörper, darunter trägt er eine dunkle, verschlissene Hose.
Träge stapft er durch die Menge, packt Constantine an den kurzen blonden Haaren und zerrt ihn vor das Rathaus. Genüsslich leckt er sich über die angespitzten Zähne, erfreut, dass es Widerstand zu zerschlagen gibt.
„Ich bin Notos“, ruft er mit gelangweilter Stimme. „Ein Anemoi, einer von Äols vier Winden! Als Südwind fungiere ich als oberster Richter und Henker. Sicher wird mir niemand widersprechen, dass Ketzer und Rebellen angemessen bestraft werden müssen.“

Niemand antwortet.

Constantine versucht, sich aus dem festen Griff zu befreien.
Funken fliegen über Notos’ Hand, formen Flammen, die seinen Arm entlangzüngeln. Auf seinen Befehl greift das Feuer auf Constantines Kopf über, befällt seinen Körper.
Panisch wälzt sich der brennende Mann auf dem Boden, doch die Flammen greifen nach ihm, verzehren Fleisch wie Kleidung.
Der Gestank verbrannter Haut und Haare steigt Orion in die Nase. Lässt ihn wegsehen von dieser Tortur und hoffen, dass es bald vorbei ist.
„Knie nieder und erlebe die Gnade eines Gottes“, predigt Notos, der sich am Schmerz seines Opfers labt.
Schreiend beugt Constantine das Knie und auf Notos’ Handstreich erlöschen die Flammen. Rohes, verbranntes Fleisch bleibt in Constantines Gesicht zurück und erleichtert atmet Orion auf.
„In deine Herde, du Schaf“, bellt der Anemoi und tritt den kauernden Mann zurück zu den Dorfbewohnern.

Äol räuspert sich. „Den Tribut, den ich einfordere, verlangt euer Leben für ein anderes! Jede blutsverwandte Familie wählt einen Vertreter. Stark, geschickt und entschlossen soll er sein, denn im Kampf zweier Auserwählter wird nur einer überleben. Der Tod bedeutet Auslöschung der eigenen Blutlinie …“
Entsetzte Schreie.
Ein Raunen, als den Dorfbewohnern dämmert, was der Gott von ihnen verlangt.
„Seht es als Chance“, versucht Äol die aufgebrachte Menge zu beschwichtigen. „Erst im Angesicht des Todes und wenn mehr als das eigene Leben auf dem Spiel steht, zeigt sich das wahre Potenzial eures Blutes.“
„Wie können die Götter verlangen, dass wir uns gegenseitig umbringen?“, kreischt eine Frau.
„Euch bleibt keine Wahl“, ruft Notos und nimmt sein Sturmgewehr in Anschlag. „Wer sich weigert, den richte ich. Wer flieht, den strafe ich. Die Unwürdigen läutere ich. Der Tod durch die Kugel geht schnell und schmerzlos.“
Äol predigt weiter: „Besteht diese Prüfung und fliegt mit den Schrottbarken auf mein Flaggschiff. Die Sturm bringt euch in mein Reich, wo ihr mir ergeben ein neues Leben anfangt. In den Diensten eines Gottes!“
Fassungslos schauen sich Orion und Philo an. Was haben sie verbrochen, dass sie so gestraft werden? Haben sie nicht immer zu den Göttern gebetet? Ihnen Opfergaben dargebracht?
Soldaten räumen den Platz und treiben nicht verwandte Familien auseinander.

Der Tribut beginnt.
Notos tritt vor, ein Messer in jeder Hand. Bedächtig läuft er die Reihen der Auserwählten entlang. Schaut in ihre verängstigten Gesichter, als würde er ihre Ungewissheit genießen.
Plötzlich hält er an, drückt Gregor eines der Messer an die Brust.
Er nimmt es entgegen, verabschiedet sich von seiner Frau und den drei Kindern und lässt sich von seinen Freunden Glück wünschen.
Verloren steht er auf dem Platz, verfolgt Notos, der die Reihen entlangschlurft, bis er einem der fahrenden Händler die zweite Klinge in die Hand drückt.
Einem Kampf wird das Gerangel nicht gerecht. Wenige Sekunden nach Beginn liegt Gregor tot im Staub. Überwältigt von dem Fremden. Wenige Augenblicke und eine Familie ist ausgelöscht. Soldaten tragen die Leichen der Verlierer beiseite und türmen sie zu einem Haufen auf, der mit jeder Runde wächst.
Silvana wird ausgewählt, die kleine Emilie ebenfalls.
Seit ihre Eltern gestorben sind, lebt sie mit ihrer Schwester als Waise, gepflegt und unterstützt von der Gemeinschaft. Krampfhaft hält das Mädchen die Waffe, Tränen rinnen ihre jungen Züge hinunter.
„Ich will das nicht“, stottert Emilie und das erste Mal sieht Orion ein wärmendes Lächeln auf Silvanas Gesicht.
„Ich habe einen Eid geschworen“, sagt sie zu Äol gerichtet. „Die mir Anvertrauten vor Leid zu bewahren und ihnen nicht zu schaden. Niemand, selbst ein Gott, kann mich zwingen, diesen Eid zu brechen.“
Ihr Messer fallen lassend, kniet sich Silvana hin und winkt Emilie herbei. Dem Mädchen etwas ins Ohr flüsternd, führt sie die Hände des Mädchens über ihr eigenes Herz.
Wer den Stoß ausführt, kann Orion nicht erkennen.
Emilie und ihre Schwester leben.
Silvana ist tot.
Ein weiterer Körper auf dem Leichenberg.

Notos wählt weitere Paarungen aus: Dimitros und Ela. Melina und eine der Fremden. Georgio und Sergey. Viele Begegnungen sind von Beginn an entschieden. Kampferprobte Söldner erschlagen mit Leichtigkeit Bauern, denen jede Erfahrung mit der Klinge fehlt. Der stämmige Schmied besiegt schweren Herzens den von schwerer Krankheit geplagten Barbier.
Doch es gibt Ausnahmen: Einige finden, in die Ecke gedrängt, neue Stärke. Überwältigen selbst überlegene Gegner.
Es bleibt, wie es ist.
Jeder Sieg löscht Existenzen aus, bis Notos vor Orion steht und ihm das blutverschmierte Messer hinhält. „Du bist dran“, blafft der Anemoi und schreitet weiter auf der Suche nach einem passenden Gegner. „Seid ihr verwandt?“, fragt er einen der Männer.
Orion will nicht hinsehen, nicht wissen, wer der andere Auserwählte ist.
„Wir sind Brüder“, antwortet er.
„Seht euch nicht ähnlich“, erwidert Notos.
„Brüder im Geiste. Eine Bindung, die tiefer geht als Blut“, erwidert Philo.
„Phantastisch“, ruft Notos begeistert. „Das ist doch mal eine Paarung!“
Orion drückt seine Lieben an sich. Helen flüstert ihm etwas ins Ohr, doch er versteht sie nicht. Alles ist so unwirklich, so weit weg. Er kann sich nicht erinnern, auf den Platz gegangen zu sein, denn Philo steht ihm gegenüber.

Orion versucht, die richtigen Worte zu finden. Seinem Bruder zu sagen, dass alles gut wird. Gleich wird er aufwachen und dieser Alptraum ist vorbei.
Philo spricht als Erster: „Was auch immer passiert. Wir bleiben Brüder.“
Orion sucht nach einer Antwort, will ihm sagen, was er fühlt. Dieser Leere Ausdruck verleihen. Er nickt, wischt sich eine Träne mit dem Ärmel.
„Fangt endlich an“, bellt Notos ungeduldig, das Sturmgewehr auf Helen und Scylla richtend.
Philo macht überhastet einen Schritt nach vorne, sticht mit dem Messer zu. Orion weicht aus und fügt dem ausgestreckten Arm eine tiefe Wunde zu. Den zweiten Stoß blockt sein Bruder.
Eine Faust aus dem Nichts trifft Orion ins Gesicht und wirft ihn benommen zurück. Der Riese stürmt unbeholfen los und setzt sein gesamtes Gewicht ein. Orion macht einen Schritt zur Seite.
Staub brennt in seinen Augen.
Er hört ein Brüllen, als alle Luft aus seinen Lungen gepresst wird. Hart schlägt er auf dem Boden auf, verliert im Tumult die Klinge. Seine Hände huschen über die Erde, suchen etwas, das ihm hilft.
Scylla schreit auf, als sich Philo über Orion beugt.
Philo umschlingt den Griff des Messers, bereit für den letzten Stoß. Orions Finger tasten und suchen.
Und finden etwas Festes.
Philo schaut weg. Schaut zu seinen Lieben.
Orion greift zu, setzt alle Kraft in den Stoß.
Überrascht schaut Philo auf seine Brust. Erblickt den Dolch, der in seinem Herzen steckt. Kraftlos sinken seine Arme. Die Lippen spitzend, pfeift er ein letztes Lied. Seine Lider wirken so schwer. Die braunen Augen suchen Scylla und Bella.
Notos, der Henker, richtet die Verlierer.

Ein Schuss, dann noch einer.

Blut strömt aus der Wunde, klebt an Orions Händen.
„Bruder“, haucht Philo mit einem schmerzverzerrten Lächeln. Philo kann die Augen nicht offen halten und sackt zur Seite.
Körper fallen dumpf zu Boden.
Soldaten treten auf den Platz und tragen die Leichen weg. Werfen Scyllas schlaffen Körper auf einen Haufen.
Scylla, die Furie mit dem guten Herzen. Nie hätte Orion gedacht, jemand könnte Philo zähmen und seine ungestüme Natur bändigen. Nach ihrer Hochzeit wurde er ruhig, besonnen, sesshaft.
Grob hebt jemand Bella auf und trägt sie weg.
Das kleine Mädchen.
Viel zu jung, ihr Leben noch vor sich habend. Ein reineres Geschöpf kann es unter der Sonne nicht gegeben haben. Ständig sorgte sie sich um ihren tollpatschigen Vater. Meistens zu Recht. Vor dem Schlafen verlangte sie immer eine weitere Geschichte, begierig, alles über die Welt zu erfahren.
Die schönste Blume zwischen all dem Unkraut.
Einer der Soldaten packt Philo und schleift den schweren Leib über den Boden. Wütend schubst Orion ihn weg, legt sich schützend über seinen Bruder.
„Lasst ihn mir!“, schreit er und bedroht jeden, der sich ihnen nähert.
Sein Trauzeuge.

Äol applaudiert. „Das ist wahre Kraft.“

Die Hand, die Orion aus dem eisigen Wasser zog.

Äol fährt fort: „Sein Tod war nicht sinnlos.“

Der Mann, der Helen für ihn ansprach.

„Ehret die Gefallenen, bewundert die Lebenden!“

Der Pate seines Sohnes.

Rotes Blut bedeckt Orions Hände, brandmarkt ihn.
„Schafft die Leiche endlich weg“, befiehlt Notos, der Südwind.
Wut sammelt sich in Orions Bauch, kocht in die Arme und Beine. Tiefer, wahrhaftiger Zorn übernimmt sein sonst so friedliches Wesen. Wie von allein bewegen sich seine Beine. Gehen, laufen, rennen los.
Einen kurzen Augenblick wirkt Äol überrascht. Die steinerne Maske im Schattenspiel verwundert.
Rasend hebt Orion Philos Messer, bereit zum Schlag auf den Gott. Nur noch wenige Meter. Alles um sie erstarrt, die Zeit verrinnt und jeder Atemzug ist eine Ewigkeit.
Äols weiße Tunika flattert, weht im aufkommenden Wind und Orions Füße treten ins Nichts. Die Welt steht Kopf – nein, er selbst fliegt kopfüber durch die Luft und landet schmerzhaft auf dem Boden.
Soldaten um ihn herum ergreifen Orion und zerren ihn hoch. Ihre Stimmen sind so weit weg.
Äol stellt sich vor ihn. Jedes seiner Worte macht ihn wütender, bis er den Zorn nicht mehr ertragen kann. Helen, Illias, Großvater, die Farm. Alles ist aus seinen Gedanken gefegt. Die Rache an diesem Gott nimmt all sein Denken ein.
Er befreit sich aus dem Griff der Soldaten, stolpert vorwärts, das Messer nicht loslassend.

Diesmal wirkt Äol gefasst.
Er hebt die Hand und eine unsichtbare Wand hindert Orion daran, weiterzukommen. Windböen zerreißen ihm beinahe die Kleider und rücklings fliegt er zurück. Schlägt mit dem Kopf gegen harten Stein.
Orion will einatmen; doch er kann nicht.
Es sind nicht die schmerzenden Rippen oder das Adrenalin. Alle Luft scheint von ihm gewichen zu sein. Äol steht vor ihm, den Finger auf ihn gerichtet. Die azurnen Augen trüb leuchtend, rauschendes Wasser im Rücken.
„Wer mich oder einen meiner Männer angreift, ist des Todes.“
Schwärze umschlingt Orion, das Aufstehen fällt ihm schwer. Arme und Beine wiegen Tonnen, doch er steht.
Das Messer entgleitet seinen müden Händen.
Schwankend steht er da, sein Schicksal besiegelt.
Die Kraft verlässt seinen Körper und er fällt.

Fällt in die Tiefe des Schachts hinter ihm.

Dunkelheit empfängt den Bauern.
Gierig füllen sich Orions Lungen mit frischer Luft, als Äols Bann bricht. Kaltes Wasser umschlingt den geschundenen Körper und tosend spült ihn der unterirdische Fluss davon.
Wasser, von allen Seiten.
Gesicht, Mund, Nase, überall dringt es ein.
Er ist wieder der kleine Junge, strampelt hilflos um sein Leben.
Kein Licht weist ihm den Weg und Orion verliert das Bewusstsein.