Götter und Herolde Orion – epische Fantasy Charaktere mit Kriegern, Gottheiten und düsterer Atmosphäre

[1] | [2] | [3] | [?] | [?]



II Orion: Übel dieser Welt

Der Geruch nach Verwesung und Schwefel wird schlimmer, je tiefer sie gelangen. Aus der Ferne ist leises Schaben und Knacken zu hören.
„Was ist das?“, flüstert Illias.
„Das Männchen“, antwortet Orion und zieht sich das Hemd über die Nase, um den Gestank besser zu ertragen. „Pass auf die Knochen auf, die liegen überall. Mach keine unnötigen Geräusche, die Überraschung ist unsere Trumpfkarte!“
Orion beleuchtet mit der Fackel einen größeren Durchgang. Das Schaben ist ganz nah, und im Lichtschein enthüllt sich ihnen ein wahr gewordener Albtraum.
Das Männchen macht sich über den Kadaver eines Schafes her, vergräbt die Schnauze tief in das Fleisch, um sich ein Stück herauszureißen und im Ganzen zu schlucken. Es reicht Orion beinahe bis zur Schulter. Arme, Beine und Rücken sind mit kräftigen Muskeln bepackt, die sich bei jeder Bewegung anspannen. Das kurze, borstige Fell ist an zahlreichen Stellen kahl und mit Narben bedeckt.
Jede Faser von Orions Körper will die Flucht ergreifen, und er muss sich zwingen, dem Hund näherzukommen. Ein letztes Mal dreht er sich zu Illias, zeigt mit dem Finger auf seine Stirn; nur ein sauberer Schuss ins Gehirn kann die Sache beenden.
Vorsichtig schleicht er sich näher heran, richtet die Heugabel auf das Scheusal und räuspert sich.
Keine Reaktion. Wieder räuspert sich Orion, diesmal lauter, doch das Männchen lässt nicht von seinem Mahl ab, verschlingt nur noch gieriger die Fleischstücke. „Hey“, ruft er mit brüchiger Stimme.

Langsam dreht sich der Kopf zu Orion, die kleinen Stummelohren richten sich bedrohlich nach hinten, und knurrend offenbart sich ein Meer aus fauligen Reißzähnen. Eine riesige Narbe prangt dort, wo das linke Auge sein sollte, und dicke Eiterbeulen formen das Gesicht zu einer grotesken Abscheulichkeit. Sabber, Blut und Geifer tropfen die in alle Richtungen abstehenden Zähne herunter, und Orion stolpert rückwärts.
Die Heugabel zum Schutz auf das Monster gerichtet. Seine Augen wandern vom Männchen zu Illias und wieder zurück. Der Winkel ist gut, und der Junge hat freies Schussfeld.
„Illias! Schieß!“ Er blickt in die weit aufgerissenen Augen seines Sohnes, der wie erstarrt den Bogen hält. „Illias!“, brüllt Orion und setzt einen Stich mit der Heugabel.
Der Junge wendet den Kopf ab und lässt los. Der Pfeil schnellt durch die Luft und dringt in die Flanke des Hundes ein.
Rasend vor Schmerz jault er auf und erspäht den Jungen, der mit zitternder Hand den nächsten Pfeil aufsetzt.
„Lauf!“, schreit Orion, doch das Tier hat sich bereits abgewendet, und der massige Körper sprintet los. Verfaulte Zähne bohren sich in den Arm des Jungen, um ihn mit ruckartigen Bewegungen herauszureißen.
Panisch schlägt Illias auf den Kopf ein, versucht, sich aus dem Griff zu befreien, doch es hilft nichts.
Ein Schmerzensschrei holt Orion aus seiner Starre. Er rennt los, richtet die Heugabel nach vorne und rammt sie mit solcher Gewalt in den Rücken des Tieres, dass ihm die Finger schmerzen.
Der Hund lässt nicht ab, schüttelt wütend den Schädel, und Orion zieht die Heugabel aus dem stinkenden Fleisch und treibt sie wieder und wieder hinein.
Endlich kann sich Illias befreien. Der Hund geht auf Orion los, beißt sich in den Griff fest und schafft es, den Mann zu Boden zu werfen. Bedrohlich knackt das Holz, bis es dem mächtigen Kiefer nicht mehr standhält.
Orion kriecht rücklings zurück und tritt mit den Lederstiefeln auf die Nase ein, bis scharfe Zähne sein Fußgelenk umklammern. Blut und Eiter spritzen aus den Narben am Auge, und im Wahn schiebt der Hund Orion vor sich her. Der Druck um seinen Fuß nimmt zu. Gleich gibt das Leder nach!
„Verzieh dich, Illias!“, brüllt Orion in dem Getümmel, tritt und schlägt auf die groteske Schnauze ein, aber das Männchen schiebt ihn weiter über den Boden, als sei er ein Sack Federn.
Sein Herz pocht so heftig, als würde es jeden Augenblick explodieren, und in seinem Kopf klingelt es ununterbrochen.
Ein Ruck geht durch den Körper des Monsters, und der Griff um Orions Fuß lässt nach. Kraftlos fällt der massige Leib zur Seite, und Blut fließt aus der vernarbten Augenhöhle, aus der ein Pfeil ragt.
Orions Arme und Beine schmerzen, die Haut ist an mehreren Stellen aufgerissen. Sein Fuß fühlt sich taub an, aber eilig geht er zu seinem Sohn, der zitternd den Bogen hält. Tränen schießen dem Jungen in die Augen, und weinend liegt er seinem Vater im Arm.
„Alles ist gut“, beruhigt er ihn, „dir kann nichts mehr passieren!“
„Ist er …“
„… tot. Dank dir!“ Schmerzhaft verzieht Illias das Gesicht, sein Arm blutet stark. „Lass mal sehen! Zuhause müssen wir das mit heißem Wein ausspülen, und morgen bringen wir dich zur Heilerin.“
Er holt aus seiner Tasche einen Lederbeutel und wäscht die Wunde mit kaltem Wasser aus, um sie dann mit einem abgerissenen Fetzen seines Hemdes zu verbinden und die Blutung zu stoppen.
„Ich bin so stolz auf dich, mein Sohn! Wenn du mich fragst, warst du hilfreicher als dein Onkel!“ Der Anflug eines Lächelns bildet sich auf dem Gesicht des Jungen.
„Paps?“
„Ja?“
„Können wir ihn bitte finden? Ich kann diese Höhle nicht mehr sehen!“
Orion hebt die Fackel vom Boden, und gemeinsam folgen sie dem restlichen Pfad.
„Nehmen wir etwas Fleisch mit? An denen ist mehr als genug dran für ein Festessen!“
„Glaub mir, Junge, nicht einmal in der größten Not willst du die nicht essen. Sie sind ungenießbar.“

Aus der Ferne hören sie ein vertrautes Pfeifen.
„Komm, Paps! Er lebt noch!“ Auf einem Stein sitzt der bärtige Riese, und Illias umarmt ihn stürmisch.
„Ihr habt euch ganz schön Zeit gelassen! Hab mich schon gefragt, ob ihr mich zurücklassen wollt. Das Schätzchen hier hat sich bei dem Aufprall wohl das Genick gebrochen, zumindest hat es sich nicht mehr gerührt.“ Er nickt zu dem toten Weibchen, das schlaff mit ausgestreckter Zunge und bizarr abgewinkeltem Kopf neben ihm liegt.
„Onkel, ich hab das Männchen erledigt! Ein Pfeil mitten in seinen Kopf!“
„Und ich habe die zwei anderen überwältigt!“
„Aber meiner war doppelt so groß, und wir haben dich gerettet!“
„Na gut, einigen wir uns auf Unentschieden.“ Als er seinen Fuß belasten will, zuckt Philo zusammen.
„Schaffst du es alleine?“, fragt Orion besorgt.
„’ne Schulter zum Abstützen wär vielleicht ganz hilfreich … Übrigens, schau mal.“ Triumphierend hält er einen kleinen, verstaubten Beutel hoch, in dem einige Münzen klimpern.
„Woher …?“
„In der Felsspalte dort hab ich einige alte Knochen gefunden. Muss wohl auch den Abhang hinuntergestürzt sein und konnt sich nicht mehr befreien. Na ja, außer einigen Lumpen hatte er sonst nichts bei sich.“
„Beschissene Art zu sterben“, merkt Orion an.
„Vielleicht, aber die Münzen schreien doch danach, morgen einen Schnaps zur erfolgreichen Jagd in der Schenke zu trinken!“
„Ich etwa auch, Onkel?“, fragt Illias.
„Wenn ihr mich heil nach Hause kriegt, bekommst du sogar zwei!“

Erschöpft und müde erreichen sie, Philo stützend, das Eichental. Sanft leuchtet ihnen der Vollmond den Weg, und endlich passieren sie die stillen Wächter, die sie mit einem Schwenk ihrer Äste begrüßen.
Im Haupthaus brennt noch Licht, und Rauch steigt aus dem Kamin. Sicher haben sich die Frauen bereits schlafen gelegt, und nur Großvater ist noch wach, um ihnen eine Standpauke zu halten.
„Seid bloß leise“, flüstert Philo, „dass ihr mir ja Scylla nicht aufweckt!“
Sachte schleichen sie die wenigen Stufen hinauf, und jedes Mal, wenn der Riese seinen Fuß belastet, zeichnet sich heftiger Schmerz auf seinem Gesicht ab. Orion will gerade die Haustür öffnen, da schwingt sie auf, und Philos Ehefrau baut sich vorwurfsvoll vor ihnen auf.
Ihre langen blonden Haare wehen im Wind, und das im Mondlicht leuchtende Nachthemd lässt den Eindruck entstehen, sie sei ein wiederauferstandener Geist. Ihr spitzer Mund zuckt angriffslustig, bereit, ein Feuerwerk an Schuldzuweisungen auszusprechen, wenn sie nicht die richtigen Worte hört.
„Hallo, Schatz“, sagt Philo kleinlaut.
„Habt ihr eine Ahnung, wie spät es ist? Könnt ihr euch vorstellen, was wir uns für Sorgen gemacht haben?“
„Es ist alles gut, geh bitte wieder schlafen. Wir haben alles unter Kontrolle“, antwortet Philo vorsichtig.
„Sag mir nicht, was ich tun soll! Ihr habt vielleicht Nerven …“ Dann fällt ihr Blick auf Illias, dessen Arm rot vom Blut ist. „Bei den Göttern, Junge! Was ist passiert? Komm rein, du kriegst was zu essen, und dann wasch ich dich erst mal!“ Sie zerrt Illias in die Hütte, schaut ihren Mann aber noch einmal wütend an, bevor sie um eine Ecke verschwindet.
„Ich bin so was von tot …“
„Vielleicht lässt sie ja genug von dir übrig, dass wir dich beerdigen können“, witzelt Orion und hilft seinem Bruder in einen Sessel neben dem prasselnden Ofen.
„Papa, Papa!“, ertönt es, und Bella kommt angestürmt und wirft sich Philo um den Hals. Ein warmes Lächeln zeichnet sich auf seinem Gesicht ab, und mit sanfter Kraft zieht er sie an sich heran.
Sie ist elf Jahre alt und trägt ein weißes Nachthemd. Ihre schwarz gelockten Haare sind offen, und ihre braunen Augen sind gerötet.
„Ich hab mir Sorgen um euch gemacht!“
„Niemandem ist ernsthaft etwas passiert! Ich bin etwas unglücklich mit dem Fuß umgeknickt, und Illias hat sich am Arm verletzt. Aber es geht allen gut!“
„Du lügst mich nicht an, oder?“
„Ich würd dich doch nie belügen. Mir wird nie etwas passieren, und ich werde dich immer beschützen.“ Er gibt seiner Tochter einen sanften Kuss auf die Stirn.
Erleichtert, dass alle in Sicherheit sind, schleicht sich Orion aus dem Wohnzimmer, um den Göttern für die sichere Heimkehr zu danken.

Im Werkzeugschuppen steht ein kleiner, den Göttern geweihter Altar, und als sich Orion diesem nähert, hört er darin eine vertraute Stimme.
„Ihr Götter“, hört er die melodische Stimme sprechen. „Bringt mir meinen Mann, meinen Sohn und meinen Schwager unverletzt nach Hause.“
Orion lehnt sich sanft gegen die Wand und genießt den wohltuenden Klang des Gebetes. Wolkenlos offenbaren sich ihm tausend Sterne und das sanfte Licht des Vollmondes.
Schließlich begibt er sich in den engen Schuppen, setzt sich neben seine Frau auf den Boden, und im Gebet vertieft ergreift sie seine Hand.
Stille.
Er spürt nur ihre wärmende Hand und wie die Anspannung seinen Körper verlässt. „Artemis, Göttin der Jagd und Tochter des Zeus. Ich danke dir für deinen Segen und deinen Schutz. Wie versprochen, nimm meine Opfergaben an.“ Neben der Urne seines Vorfahren und den Götzen auf dem steinernen Altar entzündet Orion drei Kerzen.
„Artemis und all ihr Götter im Olymp. Ich danke euch von ganzem Herzen für ihre sichere Heimkehr, nehmt meine Opfergaben an und lasst euren wachenden Blick nie von uns weichen.“ Auch Helen zündet drei Kerzen an, und beide verharren kniend auf dem Boden.
„Es waren drei“, stammelt Orion. „Wir waren gut vorbereitet, bis Philo in eine Spalte gestürzt ist. Illias … hat das Männchen erledigt und ich … hab mich so nutzlos gefühlt.“
Aufmerksam hört Helen ihrem Mann zu, ihre hellblauen Augen fest auf ihn gerichtet.
„Ich hätte es nicht von ihm verlangen dürfen. Er ist so rein, so unschuldig, und ich bringe ihn dazu, ein Monster zu töten.“ Ihm fehlen die Worte. Er schaut zu seiner Frau, hofft, das zu hören, was er braucht. Etwas, das ihn aufbaut.
„Du hast dein Bestes getan, mach dir keine Vorwürfe! Illias ist stärker und reifer, als wir alle wahrhaben wollen, und er wird nicht daran zerbrechen. Er ist fünfzehn und freiwillig mitgekommen!“ Sie greift seine Hand fester, und eine einzelne Träne rinnt ihre sanften Züge hinunter. „Ich liebe dich, Orion, aber versprich mir bei den Göttern, dass du alles für diese Familie tust, was in deiner Macht liegt!“
Verlegen nickt er, senkt den Kopf und starrt auf den Boden. Ihre Lippen suchen die seinen, und er hält sie so fest, als wolle er sie nie wieder gehen lassen.
Bei den Göttern, es gibt nichts, das sie trennen kann.

„Verflucht noch mal“, ertönt eine kratzige Stimme von draußen, und wütend klopft es gegen die Tür. „Drinnen verblutet euer Junge, der Schwachkopf heult wegen seinem Fuß herum, und ihr zwei liegt euch sabbernd in den Armen! Überhaupt, warum habt ihr so lange gebraucht? Seid ihr überhaupt für etwas zu gebrauchen? Feldarbeit könnt ihr nicht, Tiere hüten könnt ihr nicht, und ein paar Hunde verjagen könnt ihr auch nicht!“
Wütend rauscht Helen nach draußen. „Geh rein, setz dich in deinen Sessel und halt den Rand! Zu mehr als Sitzen und Meckern bist du doch eh nicht mehr imstande, Großvater! Orion tut alles, was er kann, um uns zu beschützen, selbst wenn es darum geht, diese Monster zu töten!“
Als er Helen und Großvater draußen streiten hört, überkommt Orion eine tiefe Müdigkeit, und so leise wie möglich schleicht er sich zurück zum Haupthaus. Das Wohnzimmer ist leer, nur das Feuer knistert im Ofen und taucht den Raum in sanfte Wärme.
Aus ihrem Schlafzimmer kann er Scylla hören, die mit ihrem Mann schimpft und seinen Fuß verarztet.
Im Schlafzimmer der Kinder brennt kein Licht mehr, aber er hört Illias das Abenteuer in der Höhle erzählen und Bella, die aufgeregt Fragen stellt. Als er sich dem Kinderzimmer nähert, verstummen die Stimmen, und beide tun so, als würden sie schlafen.
Er entzündet eine Kerze, und im nächsten Moment sitzen die Kinder aufrecht im Bett.
„Er hat mir von der Höhle erzählt“, sprudelt es aus Bella. „Waren diese … diese Züchtungen wirklich so groß wie ein Pferd, und hat Illias eine getötet, die sogar Feuer gespuckt hat?“
Verlegen schaut Orion zu seinem Sohn und setzt sich an die Bettkante. „Groß waren sie. Einer vielleicht sogar größer als ein Pferd, aber möglicherweise nicht so gut im Feuerspucken. Trotzdem sind sie gefährlich und haben uns und unser Vieh bedroht!“
Helen betritt den Raum und hält eine dampfende Schale in den Händen. „Zeig mir deinen Arm, ich muss ihn mit heißem Wein ausspülen, sonst entzündet er sich!“
Der Junge nimmt den Verband ab und lässt seine Mutter die Wunde betrachten.
„Scheint nicht bis zum Knochen durchgekommen zu sein. Morgen wird Silvana sich darum kümmern müssen. Versuch, tapfer zu sein!“ Sie tränkt ein Tuch im Wein, und während sie Blut abwäscht und die Wunde reinigt, verzieht Illias schmerzhaft das Gesicht.
„Es ist schon spät, aber solange Helen beschäftigt ist, kann ich euch noch eine Geschichte erzählen. Welche wollt ihr hören?“ „Bitte, bitte die von den menschenfressenden Zyklopen!“, fordert Bella.
„Lieber die vom Krähenmenschen“, bittet Illias.
„Das sind ziemlich wilde Geschichten zu so einer späten Stunde, und Großvater kann sie viel besser erzählen. Ich erzähl euch etwas anderes.“
Gespannt richten sich Bella und Illias auf und hören aufmerksam zu.

„Es gibt Dinge auf dieser Welt, die böse und mächtig sind. Sie wohnen in Höhlen, Ruinen und an dunklen Orten, und es ist das Klügste, sich von ihnen fernzuhalten. Lange bevor Paragon oder der Hof gegründet wurden, lebte in diesem Tal ein mächtiges und blutrünstiges Ungeheuer. Es hatte harte Haut, die jeden Angriff abwehrte, und die umliegenden Menschen versetzte es in Angst und Schrecken. Einst kam mein Ururgroßvater …“
„Der Mann in der Urne?“, fragt Bella aufgeregt.
„Ja, der Mann in der Urne. Er wollte das Ungeheuer erledigen, aber er war nicht stark genug. Er betete zu den Unsterblichen, und Poseidon, der Gott des Meeres, erhörte ihn. Er gab ihm Macht über das Wasser, und mit seiner neu gewonnenen Kraft schaffte er es, dem Land Frieden zu bringen.“
„Wie hat er das Ungeheuer denn besiegt?“, fragt Bella.
„Das ist nicht überliefert, aber er hat es getötet, und man sagt, aus den Knochen des Monsters wuchsen die Eichen, die dieses Tal beschützen. Durch seine Taten konnte Paragon errichtet werden, und mein Vorfahre ließ sich nieder, um die Farm zu gründen.“
„So toll ist unser Urahn?“, fragt Illias.
„Es heißt, auf seinen Befehl fiel Regen vom Himmel, und er verwandelte das vorher trockene Land in eine grüne Oase. Deswegen, wenn wir irgendein Anliegen haben, beten wir nicht nur zu den Göttern, sondern auch zu ihm, und sein gesegnetes Blut fließt auch in unseren Adern.“
„Und das ist wahr, Onkel?“
„So wahr ich hier sitze, Bella!“
Vorsichtig zieht Helen den Verband fest. „So, fertig! Jetzt, da die Geschichtsstunde zu Ende ist: Wie verhalten wir uns, wenn wir ein Monster sehen?“
Wie aus einem Mund sagen alle den alten Kinderreim auf. Den Reim, der ihnen schon so oft das Leben gerettet hat und ihr Leben bestimmt.
„Hinter Bäumen, in dunklen Höhlen kauernd, groß und dumm die Züchtung lauernd. Hat sie dich noch nicht entdeckt, dann schleich herum um ihr Versteck. Lässt sie dich nicht aus dem Blick, dann lauf schnell oder kämpf mit Trick.
Geb acht vor Ruinen Stein auf Stein, die Ahnen steckten Golems rein. Wenn auch lockt die fette Beute, lass ab davon, so manch Abenteurer es bereute. Sehen und hören, das tun sie gut, kämpf mit Kraft und noch mehr Mut.
Über Versuchungen gibt es nur Gestammel, durch Hochmut der Ahnen diese Legenden entstammen. Ob groß, ob klein, ob gut, ob bös, vermag man nicht zu sagen, meide sie besser, um nicht zu klagen.
All das kannst du mit Tücke oder Stärke besiegen, vor der Entartung solltest du aber fliehen. Natur und die Ahnen meinten es nicht gut, flieh, du Narr, trotze dem Mut.“
Helen stellt eine Tasse auf Illias’ Nachttisch und streichelt ihm liebevoll durch das Haar. „Trink den Tee, er hilft gegen die Schmerzen. Schließlich steht morgen eine lange Reise an.“
Sie küsst ihren Sohn auf die Stirn, und auch Orion wünscht den Kindern eine gute Nacht, aber bevor er den Raum verlassen kann, fragt Bella besorgt: „Du, Onkel, wird Papa wieder gesund?“
„Dein Vater ist der stärkste Mann, den ich kenne, und so einen Kratzer steckt er locker weg.“