Nichts – mystische Gestalt steht vor leuchtendem Zentrum des Universums in einer philosophischen Fantasy Szene



Nichts III: Steve



Statisches Rauschen. Ein Knacken, als würde irgendwo ein Telefonhörer abgenommen werden.

„Krzt. Du hast dir ja lange Zeit gelassen“, sagt eine hörbar gelangweilte Stimme. „13,9 Milliarden Jahre, das entspricht …“ Die Stimme pausiert, um kurz nachzudenken. „Das entspricht beinahe einer Stunde.“

Wir verstehen nicht. Überrumpelt und perplex fragen wir schließlich: „Was soll das heißen? Wer ist da?“

Leise redet die Stimme, als würde sie sich jemandem im Hintergrund widmen: „Er hat es endlich geschafft. Ich wickel das eben ab, dann mach ich Feierabend. Wir sehen uns dann später.“

Rascheln durchdringt den Äther, als würde jemand einen Schreibtisch ordnen.

„Krzt! Ähm, ja. Wo waren wir?“

Als die fliegende Sonne über uns ihre Bahn dreht, blinken Warnlampen auf unserem holografischen Visor auf. Zahlreiche Datenbojen am äußersten Rand des Universums haben den Kontakt abgebrochen. Das ergibt für uns keinen Sinn. Dort ist kein Leben, keine Materie oder Ähnliches.

„Wer seid ihr?“, ringen wir uns endlich dazu durch zu fragen. „Und was ist das hier für ein Planet?“

Ein Gefühl der Angst schwingt in unserer Stimme, denn weitere Bojen haben ihr Signal beendet. Dutzende Lichtjahre vom Rand entfernt. Näher an bewohnten Clustern. Das Kuriose: Die Aussetzer sind nicht an verschiedenen Stellen, sondern an allen Rändern gleichzeitig.

„Steve. Mein Name ist Steve“, rauscht die Stimme. „Und du hast gerade den Knopf gedrückt, der den Test beendet. Hast dir ehrlich gesagt ganz schön lange Zeit gelassen. Wer arbeitet denn bitte so lange an einem Bild!“

Rasant mehren sich die Ausfälle der Signalbarken und das in einer Geschwindigkeit, die nur durch die Nichtsifikation übertroffen wird. Wie eine Welle kippen Sektoren von aktiv zu inaktiv, dann brandet die Welle gegen die Raumstation, auf der das Bild im Bild im Bild sicher hinter einem ausgeklügelten Sicherheitskonzept verwahrt ist.

Was auch immer das für ein Phänomen ist, gegen Autokanonen hat es keine Chance.

„Uuuund es ist weg“, rauscht Steve.

Und tatsächlich: Dort, wo noch vor einem Lidschlag eine Raumstation war, ist kein Ping mehr vorhanden.

„1,1 Millionen Jahre Zeitverschwendung. Hättest du nicht so lange getrödelt, wärst du noch in die Top Ten gerutscht.“

Nervös drücken wir auf den Visor. Versuchen, Befehle zu geben und das Bild im Bild im Bild zu visualisieren. Die Nichtsifikation funktioniert hier nicht, deswegen sind wir auf die Technik angewiesen.

Keine Reaktion.

Es ist, als wären sämtliche äußeren Sektoren verschwunden.

Ein Angriff?

Unmöglich!

Wir erleben den ersten Wutausbruch seit Äonen:

„Hast du uns die ganze Zeit beobachtet? Warum greift ihr uns an? Was ist mit unserem Bild passiert? Sprich, sonst wirst du einen Zorn erleben, dem niemand standhalten kann!“

Eine unbekannte Hitze kocht in unserem Bauch, denn noch nie seit dem Zusammenschluss hat uns etwas so sehr gereizt.

Steve seufzt laut auf: „Ich wusste, dass das schwierig wird. Das ist kein Angriff, ich deinstalliere die Simulation. Dein Bild existiert nicht mehr. Es wurde zurückgeführt. Wir simulieren die Entstehung und das Ende unseres eigenen Universums. Dazu speisen wir Helium und Wasser auf den Server, garnieren das Ganze mit den Naturkonstanten und der Rest entfaltet sich von alleine. Es ist schon interessant, wie die Ergebnisse sich immer wieder verändern.“

Wir checken den Visor. Zahllose äußere Galaxien sind verschwunden. Ob angegriffen oder fragmentiert, lässt sich von hier nicht sagen, nur, dass kein einziges Signal mehr von dort ausgeht.

Die Welle der Auslöschung nimmt weiter Fahrt auf und bahnt sich ihren Weg durch das Universum. Durchpflügt unser Imperium und alles, was wir kultiviert haben.

Garten- und Industriewelten vergehen in Augenblicken.

Der Kontakt zur Heimatwelt, Tetra 232, ist abgebrochen.

„Nein!“, schreien wir schließlich, als die Welle droht, die Arche des Lebens zu überrollen.

Billionen von Lebensformen, mit der Hand ausgewählt und aufgezogen. Für alle Zeiten in Sicherheit gewähnt.

Schleierwale, die mit ihren Flügeln die Wolken durchbrechen.

Fenrishunde, die treuesten Freunde des Universums.

Regenbogenfasane, die mit Abstand schönsten Geschöpfe, die es gibt.

Bunga Bunga …

„Nimm uns nicht die Arche!“, schreien wir Steve an und hämmern mit den Händen auf den Knopf, um den Vorgang abzubrechen.

„Tut mir leid, Mann“, antwortet Steve und atmet schwer aus. „Ich werde das nicht aufhalten. Der einzige Zweck dieser Simulation ist beendet. Wir haben dich beobachtet, weil du die dominante Spezies bist. Nicht mehr und nicht weniger. Aber das war ein interessantes Manöver. Also das mit dem Zusammenschluss“, sagt Steve mit einem Ton, als wolle er uns aufmuntern. „So hattet ihr keine inneren Konflikte mehr und konntet euch voll und ganz auf alle äußeren Gefahren konzentrieren. Das haben wir so noch nicht gesehen.“

Wie im Wahn drücken wir auf die Knöpfe am Visor. Aktivieren Prometheusminen, Drohnenschwärme und Eruptionskanonen.

Einen Moment zögernd, schreien wir schließlich: „Macht die letzte Bombe bereit!“

Lichtblitze zucken über den Visor; es ist genug Feuerkraft, um ein Sonnensystem zu vernichten.

„Schießen!“, schreien wir ins Vakuum. „Alles abfeuern, die Station darf nicht fallen!“

Still und ohne eine Warnung ändert sich das Symbol.

Wir fallen auf die Knie, denn die Deinstallation hat die Arche erreicht. Alle Signale sind fort. Genau wie jedes Lebewesen dort.

Kratzend durchbricht Steves Stimme die Stille:

„Hättest mal die transmorphalen Terraspinnen erleben sollen. 13,1 Milliarden Jahre pure Effizienz. Absolute Spitze und ein Fest, denen zuzuschauen.“

Beiläufig den Kopf schüttelnd, realisieren wir, dass kein anderes Leben mehr existiert. Der Visor zeigt keine Signale mehr außerhalb des Zentrums des Universums.

Wir sind die Letzten.

Als wir in den Raum blicken, dorthin, wo das Labyrinth aus schwarzen Löchern und Quasaren war, ist dort nichts.

Nicht das Nichts, das wir durchdringen konnten.

„Unser Lebenswerk“, kommt es schließlich über unsere Lippen. „Wir waren perfekt. Unzerstörbar. Göttlich. Hätten wir nur nie dieses eine letzte Geheimnis erforscht.“

Der Wut ist Resignation gewichen, dann sagt Steve: „Es ist beinahe alles deinstalliert. Du hast nur deine Regeln mit der Nichtsifikation umgangen, aber die Spielregeln haben wir definiert. Gut gespielt, das muss ich zugeben.“

Die künstliche Sonne und der falsche Mond schweben über unserem Kopf. Strahlende Unendlichkeit breitet sich unter unseren Füßen aus und der Kern des Planeten ist darin sichtbar. Eine pulsierende Masse, als sei alle Materie des Universums nun darin.

Undurchsichtige Schwärze verschluckt den strahlend weißen Planeten.

„Falls es dich tröstet“, insistiert Steve. „Du wirst ins Archiv hochgeladen. Genau wie alle anderen Gewinner.“

„Auch Bunga Bunga?“, fragen wir, aber uns ist die Antwort bereits bewusst.

„Nein“, antwortet Steve.

Als die Schwärze unsere Beine hochkriecht, spüren wir keinen Schmerz.

Alles ist Nichts und Nichts ist alles.

„Junge, was freu ich mich auf das Best-of am Ende der Woche“, hört man Steve euphorisch im Hintergrund.

Statisches Rauschen, die Verbindung ist beendet.

Unser Rumpf verschwindet.

Dann die Glieder.

Und schließlich sind wir:

Nichts.

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