Küchenärger
Wütend pickt die Krähe
von draußen gegen die Tür
und Brüderchen bricht in Tränen aus.
„Ich hab Hunger, und mir ist kalt.
Wir kommen niemals wieder in unser Nest.“
„Hör auf zu weinen.
Es ist schon spät,
deswegen lass uns schlafen und
morgen finden wir bestimmt einen Weg zurück.
Wir werden rechtzeitig zur Bescherung
bei Mama und Papa sein,
versprochen!“
Doch selbst zweifelt Efi an ihren Worten.
Die Kellertür ist fest verschlossen.
Der Spalt ist nicht groß genug.
Außerdem hat sie ihr kostbares Geschenk verloren.
Dabei hatte sie sich darauf gefreut,
es ihren Eltern zu überreichen,
um ihre glücklichen Gesichter zu sehen.
Aneinander gekuschelt verbringen sie die Nacht.
Am nächsten Morgen
– am Weihnachtsmorgen –
steht Efi früh auf,
um einen Weg aus ihrer misslichen Lage zu finden.
Suchend huscht sie durch die Gänge.
Zwischen Staub und Schmutz
entdeckt sie einen weißen,
blitzenden Kieselstein.
Der lange,
schmale Stein ist glatt,
ohne Unebenheiten,
und glänzt wie eine Perle.
Zwar ist er nicht ganz so schön
wie ihr Glitzerstein,
aber er wird trotzdem ein tolles
Geschenk abgeben.
Während sie ihn tief in ihrem Rucksack verstaut,
fällt ihr ein Kabel auf.
Es verläuft vom Boden bis zur
Decke und schließlich in ein Loch.
Das ist es!
Das ist der Weg aus dem Keller!
„Wie soll ich denn da hochkommen?“,
fragt Brüderchen, als Efi es ihm zeigt.
„Ich bin doch noch ganz klein
und werde den Aufstieg bestimmt nicht schaffen.“
„Du bist eine Maus.
Und Mäuse sind gut im Klettern.
Wir haben lange Krallen,
die zwar nicht gut sind,
um einen Stift zu halten,
aber um eine Wand zu erklimmen oder im Boden zu wühlen,
sind sie perfekt.
Vertraue nur der Maus in dir.“
Zögerlich klettert Brüderchen
einige Zentimeter nach oben.
Er schaut das Kabel hinunter und jammert:
„Es ist so hoch,
ich trau mich nicht weiter.“
Da zückt Efi ihre Nähnadel
und pikst sanft in seinen Popo.
Brüderchen quiekt vor Schmerz,
klettert ein Stück und hält auf halbem Weg inne.
Abermals fängt er an zu jammern,
und Efi steigt hinterher.
Behutsam sticht sie erneut mit der Nadel zu,
und nach und nach krabbeln sie bis zum Loch
und durch die Decke
in eine wohlig duftende Küche.
Brüderchen reibt sich den wunden Popo.
Sein Magen knurrt.
Es riecht so himmlisch
nach den herrlichsten Düften,
dass selbst Efi das Wasser im Mund
zusammenläuft.
Plätzchen.
Lebkuchen.
Spekulatius.
Sie warten auf Tellern darauf,
genascht zu werden.
Der Geruch von Zimt liegt in der Luft.
Doch Efi weiß:
Sie müssen aufpassen.
Hier leben Menschen.
Und die haben Angst vor Mäusen.
Sie stellen Fallen auf und …
Oh nein.
Wo ist Brüderchen?
Hungrig tapst er zu einem Stück Käse,
das festlich auf einem Tisch
– extra in Mäusegröße –
angerichtet ist.
Im letzten Moment hält Efi ihn zurück
und schimpft:
„Geh nicht weg, es ist zu gefährlich!“
Doch Brüderchen versteht den Ärger nicht.
Er hat solchen Hunger.
Das Mahl sieht zu verlockend aus.
Da zückt Efi ihre Nadel und
drückt auf eine Metallplatte.
Krachend schnappt die Mäusefalle zu.
Das Stück Käse fliegt in hohem Bogen
in Brüderchens Arme.
Genüsslich fängt er an zu knabbern.
Da meckert eine Frau aus dem Wohnzimmer:
„Nein. Nein. Nein. Das darfst du nicht.“
Ein Mann beschwichtigt:
„Das ist doch nicht so schlimm.
Ich hol erstmal etwas Süßes.“
Ein grauhaariger Opa betritt die Küche
und fährt vor Schreck zusammen.
„Ach du meiner Daus,
dreckige Mäuse.“
Wütend stemmt Efi die Pfoten in die Hüften.
„Ich bin nicht schmutzig.
Ich bin genauso sauber
wie eine Maus sein muss
– und sogar noch etwas mehr!
Nach der Toilette wasche ich
vorbildlich meine Pfötchen,
und jeden Morgen und Abend
putze ich mir ausgiebig das Fell!“
Der Mensch lässt sich davon
nicht beeindrucken.
Er schnappt sich einen Besen und holt weit aus.
Efi packt Brüderchen,
und gemeinsam türmen sie los.
Sie weichen dem Hieb aus
und flüchten zwischen Opas Beinen hindurch.
Polternd nimmt der die Verfolgung auf.
Ein Schrei hallt aus dem Wohnzimmer.
Die Oma zieht erschrocken ihre zwei Enkelkinder hinter sich,
und jappsend und schnaufend
kommt Opa mit dem Besen angerauscht.
Er holt erneut zum Schlag aus,
da fliehen die Mäuserichs
unter der Wohnungstür hindurch.