Genre: Satire / Gesellschaft
Zielgruppe: Erwachsene
Status: Abgeschlossen
Veröffentlicht: 4 Kapitel
Manaby ist eine Satire über Kindererziehung, wie sie heute betrieben wird.
Diese Geschichte treibt eine absurde Idee konsequent bis zum bitteren Ende:
Was passiert, wenn Kinder niemals wirklich erwachsen werden – oder Eltern sie einfach nicht gehen lassen können?
Zum Schmunzeln – und für alle, die sich manchmal fragen, wann aus Kindern eigentlich Erwachsene werden sollen.
Lesedauer: ca. 10 Minuten.
Manaby I
„Wir sind die führende Firma auf unserem Gebiet“, sagt der Manager hinter dem Schreibtisch aus Mahagoni. Bei diesen Worten funkeln seine Augen wie die Krawattennadel, die mit feinen Brillanten bestückt ist und an edler Seide hängt.
„Und das vielleicht nicht trotz, sondern WEGEN unseres Sitter-Konzeptes!“ Zufrieden lehnt er sich in den Stuhl aus Büffelleder, wirft den minutiös gestylten Scheitel zurück und visiert den Bewerber mit hungrigem Blick an.
„Nicht ohne Grund sitzen Sie jetzt hier. Also, wie viele werden Sie beschäftigen? Einen? Zwei? Oder haben Sie etwa noch mehr?“ Der Manager nimmt den Füllfederhalter aus Elfenbein und lässt ihn gekonnt mit der Hand kreisen.
Ein wenig verloren sitzt der Bewerber in seinem Stuhl. Er hat dasselbe Alter wie sein Gegenüber – etwa dreißig. Natürlich gepflegt, aber die Augenringe lassen sich trotz Hyaluronsalbe nicht verbergen. Die Finger klopfen nervös auf dem leicht abgewetzten Aktenkoffer, als er schließlich antwortet: „Keinen.“
„Ist das Ihr Ernst?“, schnaubt der Manager verdutzt. „Wissen Sie nicht, was das bedeutet? Haben Sie nie …“ Sein Gesicht nimmt die Farbe einer überreifen Tomate an, die kurz davor ist zu platzen.
Sein Finger kreist über der Sprechanlage auf dem Schreibtisch, als er sich räuspert und die Farbe aus seinem Gesicht weicht. Den Knopf drückend, säuselt er mit süßer Stimme: „Sitter in mein Büro, bitte!“
Breit grinsend dreht der Manager eine Runde in seinem Stuhl, als die Tür einen Spalt geöffnet wird und ein müder Mann fragt: „Ja, bitte?“
Über den Schreibtisch gelehnt, schaut der Manager abwechselnd vom Bewerber zu dem müden Mann und wieder zurück. „Das Diagramm der Verkaufszahlen für die kommende Besprechung ist noch nicht fertig.“
Nickend gibt der Sitter einen kaum zu überhörenden Seufzer von sich, schließt die Tür und schlurft zu einem Flipchart in der Ecke des Büros. Er trägt eine basaltfarbene Uniform mit türkisen Epauletten auf den Schultern und auf dem Rücken steht in feiner Schrift „Sitter“.
Zahlen und eigenartige Produktnamen wie Manaby Protect stehen bereits auf dem Papier. Dann nimmt er verschiedenfarbige Stifte und zeichnet Balkendiagramme und Parabeln.
„Wie Sie sehen“, fängt der Manager an zu säuseln, „hat unser Konzept nur Vorteile.“ Er steht auf, streicht Jackett und Krawatte glatt und geht um den Schreibtisch zu dem Sitter.
Die Schuhe des Managers sind elegant und in zeitlosem Design, frisch poliert und gewachst. Darüber prangen nackte, behaarte Männerbeine. Muskulös und in Form trainiert – doch erst ab den Hüften bedeckt wieder marineblauer Stoff seine Haut, der zu dem Jackett passt.
Neugierig versucht der Bewerber, nicht zu direkt auf das knappe Stück Kleidung zu starren – er will ja nicht unhöflich wirken. Auch diese kurze Hose, ja fast schon Bade- oder gar Unterhose, ist fein geschnitten, angepasst an die Rundungen und Beulen des Managers.
Zufrieden lehnt er sich an das Flipchart, einen Daumen in den Bund des Höschens geklemmt, schaut dem Sitter bei der Arbeit zu und blickt dabei feixend wieder und wieder zum Bewerber.
Schließlich legt der müde Mann die Stifte beiseite und haucht: „Fertig.“
Der Manager kontrolliert die vollbrachte Arbeit, nickt zufrieden und sagt, dem Bewerber zugewandt: „Das Sitter-Konzept!“
Anerkennend nickt der Bewerber, dann ergänzt der Manager: „Wir nehmen alles mit zur Besprechung, dann haben Sie einen Eindruck von den Abläufen.“
Hastig faltet der Sitter das Diagramm, öffnet den zwei Männern die Tür und folgt ihnen in den Gang.