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Manaby: III
Der Meetingraum bietet einen prachtvollen Ausblick
über die Skyline der Stadt.
Gigantische Hochhäuser reihen sich aneinander.
Die Sonne dämmert hinter Glas und Stahl.
Still nimmt der Bewerber am gläsernen
Konferenztisch Platz.
Zwei Vorstandsmitglieder sitzen bereits dort.
Etwa im gleichen Alter wie der Manager.
Die Dame im Officekleid etwas jünger.
Der Herr mit Hemd und Hosenträgern marginal älter.
Beide im Businesshöschen.
Der Manager räuspert sich.
Das Diagramm wird aufgestellt.
Quartalszahlen.
Ausgelagerte Arbeitskräfte.
Steigende Dividenden.
Produktionssteigerung um satte 2,5 Prozent.
Und der neueste Tratsch der Geschäftswelt.
„Die leasen tatsächlich drei Jahre ihre Firmenwagen,
wobei doch jedes Unternehmen von Wert
maximal ein Jahr seine Flotte hält!“
Die Augenlider des Vorstandsmitglieds mit den
Hosenträgern sinken tiefer.
Und tiefer.
Kurz vor dem Einschlafen zuckt er zusammen
und drückt die Sprechanlage.
Ein Sitter betritt lautlos den Raum.
Er schleicht um den Tisch wie eine Katze.
„Mir ist langweilig“, gähnt der Hosenträger.
Der Sitter macht auf dem Absatz kehrt,
öffnet einen Schrank aus Palisanderholz
und bringt ein Tablet in Platinoptik.
Fliegende Früchte werden auf dem
Bildschirm zerschnitten.
Zisch- und Zonkgeräusche erfüllen den Raum.
Das Meeting läuft weiter.
Der Bewerber blinzelt irritiert.
Er ist andere Arbeitsverhältnisse gewohnt.
Aber er ist hier bei DEM Unternehmen.
Ihr Haus. Ihre Regeln.
„Die Farbe des Toilettenpapiers wurde bemängelt“,
fährt der Manager fort.
Da knurrt der Vorstandsdame laut der Magen.
Sie drückt die Sprechanlage.
„Hunger!“
Eine ältere Sitterin tritt ein.
Setzt sich neben sie.
Nestelt an ihrer Bluse.
Zieht die erwachsene Frau auf ihren Schoß.
Der Bewerber senkt den Blick.
Schmatzen.
Saugen.
Besprechung.
Plötzlich läuft dem Manager der Kopf rot an.
Die Worte stocken.
Darmgeräusche.
Däumchen drehend verfolgt der Bewerber das Geschehen:
Tabletgeräusche.
Saugen unter der Bluse.
Ein gluckernder Darm.
Dann entspannt sich das Gesicht des Managers wieder.
Er drückt die Sprechanlage,
flüstert etwas
und zwinkert dem Bewerber zu.
„Unbegrenzte Produktivität!“
Ein weiterer Sitter betritt den Raum –
der Mann von der Rikscha.
Eine Reisetasche über der Schulter.
Der Manager liegt inzwischen rücklings auf dem Tisch.
Beine in der Luft.
Er referiert weiter über Toilettenpapier.
Routiniert zieht der Sitter das Höschen herunter.
Eine schwere Windel.
Ein brauner,
übelriechender Beweis der Produktivität.
Das Meeting läuft weiter.
Kopfschüttelnd begreift der Bewerber:
Hier geht es zu wie im Kindergarten.