#5 Übertherapie in der Medizin: Knetmenschen und Homunkuli

#5 Übertherapie in der Medizin: Knetmenschen und Homunkuli

Übertherapie in der Medizin ist das Thema dieses Artikels: Operationen, die ein Segen sind, aber die Grenzen zu Frankenstein verschwimmen lassen. Und um Verfahren, die dafür sorgen, dass wir nicht mehr an unseren Fehlern arbeiten müssen. Denn Medikamente und chirurgische Eingriffe lösen unsere Probleme. Doch inwiefern stehen diese Methoden unserem wahren Selbst im Weg?

1. Wie weit darf Medizin gehen? Vom Neandertaler zu Frankenstein

Die Geschichte der operativen Eingriffe ist lang: Bereits in der Steinzeit wurden Trepanationen durchgeführt, also die Eröffnung des Schädels, um zum Beispiel einen Tumor zu entfernen. Was damals mit enormen Schmerzen verbunden war, wurde am 16.10.1846 revolutioniert. Der Zahnarzt William T. G. Morton versetzte einen Patienten per Äther in Narkose, sodass dieser an einem Tumor operiert werden konnte.

Verfahren wurden weiter optimiert und verbessert, bis 1967 erstmals ein menschliches Herz transplantiert wurde. 2015 kündigte Sergio Canavero an, die erste Kopftransplantation durchführen zu wollen. Also das chirurgische Entfernen des Kopfes eines Patienten mit stark begrenzter Lebenszeit und dessen Übertragung auf den Körper eines Hirntoten.

Allerdings kam der Eingriff nicht zustande. Ethisch zu umstritten, die finanzielle Unterstützung brach weg und der Proband machte einen Rückzieher. Immerhin waren zuvor alle Versuchstiere nach wenigen Tagen verstorben und auch das Rückenmark konnte bisher nur unter Laborbedingungen verbunden werden.

Außerdem: Wenn selbst Patienten mit nur einem Spenderorgan teilweise von neuen Erinnerungen und Wesensveränderungen sprechen, wie ist es dann, wenn nur noch der Kopf der meine ist? Denn das Ich entsteht nicht nur im Gehirn, es entsteht auch in Leber, Herz, Darm, eben durch die Gesamtheit aller Zellen.

Und was ist, wenn ein gesamtes Immunsystem gegen mich arbeitet? Mich nach und nach abstößt? Wie lange würde ein Körper ohne sein passendes Gehirn funktionieren? Beide sind miteinander aufgewachsen, aufeinander abgestimmt. Hormone. Nervenaktivität. Alles ist von Mensch zu Mensch höchst unterschiedlich.

Es ist nicht so, dass ich in ein anderes Auto steige und alles dort ist, wo es hingehört. Vielleicht ist das Gaspedal im Kofferraum, der Wagen fährt nur auf drei Rädern, die Klimaanlage startet den Blinker oder der Fahrersitz steht kopf. Was äußerlich gleich scheint, ist höchst individuell und einzigartig.

2. Medizinische Überversorgung: Segen und Fluch von Operationen

Moderne Medizin ist zu Tollem fähig: Ich hörte von einem Kind, das auf eine Mine trat. Die Explosion zerstörte den Unterschenkel bis über das Knie hinaus und eine Amputation wurde notwendig. Nun war das Fußgelenk aber noch intakt und wurde verkehrt herum an den Oberschenkel operiert. Eine Van-Nes-Rotationsplastik.

Was sich wie ein schlechter Aprilscherz anhört, ermöglicht eine wesentlich stabilere Prothese. Je mehr eigene Gelenke erhalten bleiben, desto sicherer der Gang.

Medizin hat das Leben dieses Kindes verbessert, aber die Erfolge führten dazu, dass Chirurgen den Patienten mehr und mehr wie einen Knetmenschen sehen. Dass nur etwas entfernt oder umgeschnitten werden muss, um ihn zu optimieren.

Stationäre Operationen sind von 2005 bis 2024 um 34 % gestiegen. Dazu exemplarisch neue Kniegelenke: um 93 %. Ambulante Operationen im Krankenhaus sind um ganze 60 % gestiegen. Dazu kommen 4.790.760 ambulante Operationen in niedergelassenen Praxen, die einen Anstieg von 9,4 % in nur drei Jahren verzeichnen.

Unser Gesundheitssystem bezahlt Eingriffe und Untersuchungen am Patienten und gibt keine finanziellen Anreize für die Heilung. Also wird mehr operiert, da es die größten Geldmengen einspült. Vor allem, dass Krankenhäuser und Praxen wirtschaftlich laufen müssen, ist der größte Fehlanreiz.

Ich frage meine Patienten: Ist die Operation wirklich notwendig? Sind konservative Methoden ernsthaft ausgeschöpft? Schränkt mich der Schmerz nur noch im Alltag ein oder ist er aushaltbar?

Natürlich können Operationen zum gewünschten Ergebnis führen, aber genauso auch die falsche Ursache behandeln. Oder im schlimmsten Fall zu Narbenwucherungen, Infektionen, Nervenschäden, Organschäden oder sogar zum Tod führen. Selbst Routineeingriffe haben ein Restrisiko.

Und das muss uns immer bewusst sein.

3. Selbstoptimierung durch Medizin – Vom Wunsch zum Ideal

Nach dem Knetmenschen kommen wir zum Homunkulus. Denn moderne Medizin hat für jedes Problem eine teure medikamentöse Lösung parat.

Fettleibigkeit und Adipositas sind seit Jahrzehnten ein großes Problem in Industrieländern. In der Überflussgesellschaft braucht man nicht mehr zu hungern und Versuchungen sind überall.

So entstand die Body-Positivity-Bewegung. Ursprünglich einmal dazu gedacht, sich selbst zu akzeptieren, wie man ist – mit all seinen Fehlern, was absolut richtig ist –, wurde sie mehr und mehr als Ausrede genommen, an teils extremer und ungesunder Fettleibigkeit nicht arbeiten zu müssen.

Der Status ist akzeptabel.

Bis zur Abkürzung.

Ozempic-Spritze beziehungsweise Wegovy-Tablette ermöglichen den Traumkörper, den man sich insgeheim immer gewünscht hat, der aber unerreichbar schien. Niemand braucht mehr fett zu sein. Ganz ohne Hungern, Disziplin, Sport und Kalorienzählen.

Die Pfunde schmelzen in Rekordzeit. Kommen aber auch ebenso schnell wieder auf die Hüften, sobald die Medikamente abgesetzt werden. Das Essverhalten hat sich nicht nachhaltig verändert, es wurde sich nicht verdient.

Diese Abkürzungen verhindern den potenziellen Wandel meiner Persönlichkeit. Ich brauche nicht gesund kochen zu lernen und dabei zu entdecken, dass es Spaß macht. Denn ich gehe weiter im Imbiss essen. Ich brauche nicht zum Sport zu gehen und zu lernen, dass Bewegung Glücksgefühle ausschüttet. Das neue Kniegelenk behebt ja meinen Schmerz.

Potenziale werden nicht abgerufen, man verharrt in der Komfortzone.

4. Fazit: Wann wird Übertherapie in der Medizin zum Problem?

Ich hätte noch viele Beispiele für das Ausarten der Medizin: von Medikamenten gegen das Bettnässen über Schönheitsoperationen bis hin zur geschlechtsangleichenden Operation.
Es ist wild, welche Verfahren wir bereit sind durchzustehen und sogar immer radikalere Maßnahmen einzuleiten, bevor wir uns so akzeptieren, wie wir sind.
Vielleicht sollten wir den Makel nicht mehr als Schwäche oder Markierung sehen, sondern als Chance.

Wie mein Freund, der bereits in seiner Jugend zum großen Teil erblindete. Allen Widrigkeiten zum Trotz wurde er Physiotherapeut, dann Osteopath und ist nun selbstständig. Natürlich mit speziellen Ausbildungsstellen für Sehbehinderte und Unterstützung durch Freunde und Familie.
Ich weiß nicht, ob er diesen Lebensweg geschafft hätte, wenn er hätte sehen können. Die Not und der Mangel haben das Potenzial in ihm entdecken lassen. In einem alternativen Universum wäre er vielleicht nur ein weiterer Normi, der Call of Duty zockt und einen langweiligen Bürojob hat.

Was im Feuer nicht verbrennt, das härtet ab.
Willenskraft entsteht nicht, wenn jedes Problem aus dem Weg genommen wird. Sie entsteht durch den harten Weg. Durch die Extrameile.
Selbstakzeptanz kann nicht entstehen, wenn mir von allen Seiten entgegenkommt, ich solle etwas an mir ändern. Und Chirurgen bieten mir die operative Möglichkeit dazu.
Das Leben ist kein Charaktereditor und unsere Werte sind nicht austauschbar.
Wir sind keine Knetmenschen, die man nach Belieben formt, auch wenn ein Fuß als Knie hilfreich sein kann für mehr Stabilität. 😉

Wir lesen uns.

Euer Ted Dybaer!


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