Es folgt die These, warum Kinder in ihren motorischen und geistigen Fähigkeiten immer weiter zurückfallen, manche aber hervorstechen, obwohl sie nicht einmal etwas Besonderes an sich haben, und einige wie Halbgötter unter uns wandeln. Doch was beeinflusst die Kinderentwicklung wirklich? Es sind die Ketten, die uns zurückhalten, und die Flügel, die uns emporheben. Und das Erschreckende: Es liegt an uns, welche Mittel wir wählen, damit aus unseren Kindern ein überdurchschnittlicher Durchschnitt wird.
1. Warum verläuft Kinderentwicklung trotz ähnlicher Voraussetzungen so unterschiedlich?
Gedankenexperiment: Eineiige Zwillinge werden bei der Geburt getrennt. Sie haben dieselben genetischen Voraussetzungen, und die einzige Variable ist die Art und Weise der täglichen Beschäftigung.

Kind A wächst artgerecht auf. Es baut aus Holzspielzeug Häuser und lässt sie einstürzen. Es spielt Verstecken mit Gleichaltrigen auf der Straße und macht Spaziergänge im Wald. Die Ernährung ist bunt und abwechslungsreich: Obst, Gemüse, gelegentlich Fisch und Fleisch. Keine stark verarbeiteten Lebensmittel oder Süßigkeiten.
Kind B wächst modern auf. Es spielt auf dem Tablet und verbringt täglich ein bis zwei Stunden vor dem Fernseher. Pädagogisch wertvolle Kinderserien mit giggelnden Buchstaben und Zahlen, die über den Bildschirm springen. Der Mehrwert? Gering.
Das Kind ist motorisch und sprachlich unterentwickelt und bleibt weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Dasselbe Kind, aber durch einen unterschiedlichen Alltag mit völlig verschiedenen Ergebnissen. Und obwohl das artgerecht aufwachsende Kind keine überdurchschnittlichen Fähigkeiten besitzt, wird es in einer Gesellschaft, in der immer mehr Kinder modern aufwachsen, zu überdurchschnittlicher Durchschnitt.
2. Nehmen sprachliche und motorische Defizite bei Kindern zu?
Das Gehirn lernt durch Ausprobieren. In den ersten Wochen und Monaten wird zunächst der eigene Körper ausgiebig mit Mund und Zunge erkundet. Eine befreundete osteopathische Kindertherapeutin erklärte mir, dass sich ein Areal für die Hand im Gehirn erst entwickelt, wenn diese intensiv abgeschlabbert wurde.
Genauso verfährt ein Baby auch mit seiner Umgebung. Bauklötze triefen vor Speichel, weil jede unterschiedliche Oberfläche erkundet wird. Jeder Geschmack wird untersucht und in essbar oder nicht essbar eingeteilt.
Kindern einen Bildschirm vorzuhalten, führt dagegen zu immer denselben Reizen. Die Wahrnehmung, das Experimentieren findet im Gehäuse statt – eine Matrix light. Statt einen Becher vom Tisch zu werfen und so die Schwerkraft zu erfahren, fliegen bunte Klötze über den Bildschirm. Das Kind lernt die physikalischen Regeln verschiedener Spiele kennen – aber eben im Computer.
Das Praxisbeispiel einer Erzieherin ist besonders traurig: Sie spielte mit einem zweijährigen Mädchen Memory. Das Kind war motorisch nicht in der Lage, die Karten umzudrehen, sondern konnte lediglich darauf zeigen und auf eine Reaktion warten. Später sah die Erzieherin, wie die Kleine am Tablet Memory spielte. Sie hatte das Spiel verstanden, war aber nur in der Lage, mit dem Bildschirm zu interagieren.

Kinder müssen sich mit ihrer Umgebung auseinandersetzen, um nachhaltig zu lernen. Eben diese Defizite sind auch in der Motorik zu sehen: Rückwärtszugehen fällt vielen Kindern immer schwerer. Eigentlich etwas ganz Banales. Muskeln und Gehirn können sich aber nur noch mangelhaft koordinieren, weil die Kinder sich nicht ausreichend ausprobieren können. Wegen mangelnder Forderung. Wieso auch, wenn man über Stunden vor dem Fernseher abgestellt wird?
Die Verkümmerung ist real. Übergewicht durch falsche Ernährung tut sein Übriges.
3. Welche Rolle spielen individuelle Talente bei der Entwicklung von Kindern?
Der Anteil der Kinder, die so aufwachsen, wird leider größer. Gerade dort können Kinder, die artgerecht aufwachsen, hervorstechen. Sie sind überdurchschnittlicher Durchschnitt.
Man sieht es leider schon in den Schulen. Gute Noten werden an durchschnittliche Schüler verteilt, weil viele Kinder bereits Probleme mit den Grundlagen haben. Sitzt dieses Fundament nicht, ist die Versetzung der Masse gefährdet. Die Hälfte eines Jahrgangs wiederholen lassen? Nicht möglich.
Die Vergabe des Abiturs macht es offensichtlich: So lag der Anteil der Abiturienten 1995 bei 27,7 Prozent und lag 2024 bei 38,2 Prozent. Auf der anderen Seite schneiden Schüler bei PISA immer schlechter ab. Das Hoch in Lesekompetenz lag 2016 bei der bei 509 Punkten, 2022 waren es nur noch 480 Punkte. Selbst Ausbildungsbetriebe bemängeln mangelnde Kernkompetenzen bei Auszubildenden.

Und dann gibt es Kinder, die wirklich begabt sind. Die motorische oder kognitive Fähigkeiten besitzen, die andere übertreffen. Früher waren das nur die Streber, heute sind es Ausnahmetalente.
Das Spektrum der Fähigkeiten ist ähnlich facettenreich wie in „Schöne neue Welt“. Dort werden Menschen in verschiedene Kasten eingeteilt: vom überlegenen Alpha bis zum unintelligenten Epsilon.
4. Halbgötter – wie weit darf die Optimierung von Kindern gehen?
Doch über dem überdurchschnittlichen Durchschnitt stehen noch die Halbgötter: Kinder, die durch moderne Verfahren optimiert wurden. Deren Intelligenz, Kraft und Geschicklichkeit durch die Aktivierung der besten Gene hervorstechen. Die schneller sind als Usain Bolt, stärker als Mitchell Hooper und intelligenter als Schachweltmeister Dommaraju Gukesh. Alles vereint in einer Person.
Zwar sind eben diese Verfahren zum Teil noch Fiktion und das bereits Durchführbare offiziell verboten, doch die Technologie schreitet schnell voran und Gesetze können sich ändern. Genug Geld lässt so manche moralische Grenze erodieren.
So könnten Länder mit einer solchen Bevölkerung einen entscheidenden Vorteil bekommen – ungeachtet dessen, ob es richtig oder falsch ist, Kinder zu designen.
5. Fazit: Was brauchen Kinder für eine gesunde Entwicklung?
Was also tun?
Das Gute: Wir Eltern haben es selbst in der Hand, ob wir Ketten oder Flügel nutzen wollen. Artgerecht zu leben ist keine Frage des Geldes, sondern der Einstellung. Zeit mit dem Kind zu verbringen und ihm etwas beizubringen, ist kein Hexenwerk. Es mit einem Bildschirm ruhigzustellen, ist schlicht Bequemlichkeit.
Dabei möchte ich Tablets nicht vollends verteufeln, denn negative Folgen entstehen vor allem durch unkontrollierten Konsum. Auch wenn die WHO bei Kindern ab zwei Jahren bis zu einer Stunde Bildschirmzeit gutheißt, sehe ich es konsequenter: so wenig und so spät wie möglich. Am besten gar nicht.
Selbst wenn es schwerfällt und man sich nach einem harten Tag nur berieseln lassen möchte: Eine Runde an der frischen Luft zu spielen, tut allen gut.
Vor allem die skandinavischen Länder rudern wieder zurück und setzen erneut auf Schulbücher statt auf Bildschirme. Die Leistungen der Schüler haben zu sehr nachgelassen.
Gut so.
Wir lesen uns.
Euer Ted Dybaer!
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